FUTUR

2. Oktober 2026 | 14:30 – 15:30 Uhr

FUTUR

Gruppenausstellung im ehem. Militärkasino in Zusammenarbeit mit dem Pariser Kollektiv LeWonder

2. – 11. Oktober 2026

 

Potsdam, 23. September 2026; …was passiert, wenn die bisherigen Visionen nicht mehr tragen? Wenn Fortschritt eher Abgrund denn Versprechen scheint? Die Gruppenausstellung FUTUR sucht Zukunft nicht allein in neuen Bildern, sondern in den Beziehungen, die unsere Gegenwart hervorbringt: zwischen Menschen, Institutionen, Technologien und Umwelt. Gemeinsam mit dem Pariser Kollektiv LeWonder versammelt sie künstlerische Positionen, die Zukunft nicht vorhersagen, sondern unsere Möglichkeiten untersuchen, sie wahrzunehmen. Mitgestaltung der Zukunft scheint unmöglich. Doch mit Fred Moten fühlen wir uns einem Denkraum verbunden, der darauf gründet, dass er uns ausgrenzt. Oder wie der beteiligte Künstler Samir Laghouati-Rashwan fragt, Do you think ghosts care about what we think of them?”.

 

Im Kontext einer von Künstler:innen selbst organisierten Ausstellung in einem sonst verschlossenen Raum, liest sich Samir Laghouati-Rashwans Arbeit „Are you afraid of ghosts?“ als Kommentar zu Sichtbarkeit und Teilhabe, die nicht selbstverständlich allen gleichermaßen offensteht. Eine gemeinsame Zukunft lässt sich nicht unabhängig davon denken, wessen Erfahrungen öffentlich werden, welche Körper als zugehörig gelten und wer die Bilder einer Gesellschaft mitbestimmen kann.

Der historische Ort, häufig Kulisse für Film, lässt an Fragen nach Ordnung, Zugehörigkeit, Hierarchien und die Verteilung von Macht denken. FUTUR öffnet ihn für künstlerische Experimente, widersprüchliche Perspektiven und die Frage, wie Gemeinschaft entstehen kann, wenn überlieferte Regeln ihre Gültigkeit verlieren. Aus einem Ort mit militärischer Vergangenheit wird ein Labor für ästhetische und gesellschaftliche Möglichkeitsräume.

Die Ausstellung bewegt sich zwischen urbanen Infrastrukturen, performativen Protest-Ökologien, postindustriellen Idyllen und immersiven Medieninstallationen. Sie betrachtet Zukunft nicht als fernes, von der Gegenwart abgetrenntes Szenario. Vielmehr sucht sie deren Spuren in bestehenden Räumen, Körpern, Technologien und Bildern. Was wir morgen für möglich halten, hängt von heute ab.

 

In Mischa Leinkaufs künstlerischer Praxis werden die Regeln öffentlicher Räume sichtbar, indem er ihre Grenzen körperlich und räumlich erprobt. Was als festgelegte Funktion erscheint, wird zu einer Frage von Zugang, Handlungsspielraum und Aneignung. Für FUTUR eröffnet sich hier eine politische Dimension des Zukünftigen: Veränderung beginnt dort, wo scheinbar unverrückbare Ordnungen neu gelesen werden.

 

Bei Laurent Grasso gerät die Grenze zwischen Beobachtung und Spekulation in Bewegung Mythologische Referenz trifft auf vertraute Bildwelt und lotet damit das Jetzt als Durchgangsphänomen aus. Im Kontext der Ausstellung stellt sich damit auch die Frage nach der Macht von Zukunftsbildern: Welche Erwartungen erzeugen sie, welche Ängste aktivieren sie, und welche Wirklichkeiten blenden sie aus?

Anne Posselt erweitert diese Auseinandersetzung um die Frage nach der Herstellung von Realität. Zukunft erscheint aus dieser Perspektive als etwas, das erprobt wird – und gerade deshalb nicht von deren Produktionsbedingungen zu trennen ist.

 

Jenny Alten untersucht mit ihrer Maschine „Kontrollaufgabe drei“ den Punkt, indem ein System nicht mehr steuerbar ist. Das Monstrum der Komplexität lässt uns angesichts der Klimakipppunkte dissoziieren. Das Einsetzten von Menstruation oder Wehen, die Ejakulation geschieht scheinbar willkürlich. Das körperliche Erleben im Ausstellungsraum setzt sie einem diffusen Unbehagen entgegen.

 

Bei Finja Sander stellt sich die Frage nach Zugriffen auf Raum, Zeit und gesellschaftliche Normen. Präsenz und Dauer erhalten dabei ein eigenes Gewicht: Veränderung konkurriert mit Verharren. Nicht als Idee, sondern als körperliche Erfahrung.

 

Octave Courtins mehr-als-menschliche Klangobjekte setzten an einer anderen Form solcher Erfahrung an. Seine tierhaften Wesen mit Anleihen aus der steam-punk-Ästhetik machen Beziehungen zum Raum wahrnehmbar, die sich nicht auf ein Bild reduzieren lassen. So gewinnt die Frage, wie Zukunft klingt und sich anfühlt, eine konkrete ästhetische Dimension. Die Ausstellung führt über das Entwerfen von Bildern hinaus – zu den Bedingungen unserer Wahrnehmung.

 

Udo Koloskas „Disko“ macht Bedingungen der Moderne sichtbar. Ohne Technologien des Kühlens sind globaler Lebensmittel-Handel, das Leben in Ballungszentren oder digitale Medien nicht vorstellbar, sie sind Teil der kolonialen Gleichung zwischen Süd und Nord; zwischen Erderwärmung, Ressourcenverbrauch und Überleben. Die von Adorno und Horkheimer beschriebene „bürgerliche Kälte“ hat in der Installation eine ganz wörtliche, materielle Dimension.  Die blinkenden Lampen von Kühlschränken morsen Signale aus der Zukunft.

 

Phillip Langers „Black Box“ verfolgt das Fehlen der Hoffnung für Erneuerung, den Stillstand und die Ruhe, die Ruhelosigkeit. Die permanente Verfügbarkeit des Endes macht es ungreifbar. Der dokumentarische Umgang mit der inneren Überforderung und eigenen Privilegien entblößt die Unfähigkeit weder Nähe zuzulassen noch Distanz herzustellen. Die verletzte Raumhülle entzieht den Betrachtenden einen sicheren Rückzugsort. Ihre Durchlässigkeit wird zur Bedrohung und zugleich zur Voraussetzung, das drohende Ende überhaupt wahrzunehmen.

 

Diese Perspektiven stehen in FUTUR nicht isoliert nebeneinander. Im Zusammenspiel mit den weiteren beteiligten Positionen bilden sie einen offenen Zusammenhang, in dem urbane Strukturen, ökologische Fragen und mediale Erfahrungsräume aufeinander bezogen werden. Die Zusammenarbeit mit LeWonder rückt zugleich die kollektive Dimension künstlerischer Arbeit in den Blick. Gemeinsamkeit bedeutet hier nicht, Unterschiede aufzulösen, sondern ihnen Raum zu geben und neue Verbindungen möglich zu machen.

 

FUTUR formuliert damit weder Utopie noch Untergangserzählung. Die Ausstellung lädt dazu ein, Unsicherheit als Ausgangspunkt von Aufmerksamkeit und Handlung zu begreifen. Ihr Blick auf Abschied und Umbruch ist radikal, manchmal spielerisch und immer offen für das Unvorhersehbare. Wie beim Roulette, kurz bevor die Kugel fällt, verdichtet sich ein Moment, in dem vieles möglich scheint. Doch anders als im Glücksspiel bleibt die Frage nicht nur, wie Zukunft aussehen könnte, sondern unter welchen Bedingungen sie stattfindet, welche Beziehungen wir eingehen und welche Spielregeln wir verändern.


Mit Arbeiten von:

Jenny Alten
Octave Courtin
Pierre Gaignard
Martin Gnadt
Collectif Grapain
Laurent Grasso
Antonin Hako
Charlotte Janis
Udo Koloska
Samir Laghouati-Rashwan 
Phillip Langer
Mischa Leinkauf
Anne Posselt
Finja Sander
Cécile Wesolowski


KünstlerInnen-Führungen

Di-Do 13-17h

Fr-So 11-17h

Etwa die Hälfte der Künstler:innen kommt aus der Partnerstadt Potsdams Bobibny (bei Paris). Daher finden die Führungen teilweise auf English statt. Jede Führung dauert 1 Stunde. Führungen starten alle 15 Min.

Eintritt frei
Ticketslots können hier gebucht werden: EVENTBRITE

Info

KünstlerInnen-Führungen bitte über Buchungslink reservieren. Etwa die Hälfte der Künstler:innen kommt aus der Partnerstadt Potsdams Bobibny (bei Paris). Daher finden die Führungen teilweise auf English statt. Jede Führung dauert 1 Stunde. Führungen starten alle 15 Min. Di-Do 13-17h Fr-So 11-17h

Veranstaltungsort

Ehemaliges Militärkasino Krampnitz
Finnische Allee 6
14476 Potsdam
Deutschland

Veranstalter

artifact e.V.