YEWO LANDSCAPES GmbH, Wien (AT) (Arbeit Nr. 1077)

2. Wertungsrundgang Perspektive Wettbewerb Griebnitzsee YEWO LANDSCAPES GmbH
© YEWO LANDSCAPES GmbH

Verfasser: Dominik Scheuch
Mitarbeitende: Nadine Nachmann, Dominic Penker, Anita Damanshokoh, Vera Lenger
Kunst, Architektur: Dusts institute - Wien
Wissenschaft: Adam Hudec, Natália Štundová

Erläuterungstext

See/Quenzen
Neue Formen und Sequenzen einer gemeinsamen Landschaft

Das Nutzungs- und Gestaltungskonzept versteht den Griebnitzsee nicht als lineare Promenade, sondern als vielschichtigen Raum des Zusammenlebens, in dem unterschiedliche Lebensformen, Erinnerungen und Nutzungen miteinander koexistieren. Ausgehend von den historischen und räumlichen Spannungen des Ortes – zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, ökologischer Sensibilität und ehemaliger Grenzlandschaft – entwickelt der Entwurf eine neue Form von Kontinuität, die nicht auf physischer Durchgängigkeit basiert, sondern auf Beziehungen, Sichtbarkeit und gegenseitigem Respekt. Durch minimalinvasive Interventionen, barrierearme Wege und ein farbiges Leitsystem entsteht eine visuelle Vernetzung, die Orientierung schafft und zugleich ökologische sowie historische Zusammenhänge vermittelt. So werden vielfältige Lebensräume nicht überformt, sondern bewusst lesbar gemacht und in ihrer Eigenheit anerkannt. Anstelle eines homogenen Uferwegs entwirft das Projekt eine Abfolge sensibler Situationen und Raumsequenzen, die den Ort als gemeinschaftliche Landschaft mit kollektiver Verantwortung begreifen, in dem Menschen und andere Lebewesen gleichermaßen ihren Platz finden.

Im Kontext des Griebnitzsees, einer Landschaft, die von der Geschichte als Grenze, von privaten Lebensräumen und einem äußerst vielfältigem Ökosystem geprägt ist, betrachtet der Entwurf die aktuellen Unterbrechungen und Teilabschnitte des Uferwegs nicht als räumliche Hürden, die zwingend überbrückt und verbunden werden müssen, sondern als Chancen, eine neue Typologie des öffentlichen Raums, der Landschaft und dessen Erlebnis zu schaffen. Anstatt privaten Grundstücken öffentliche Zugänglichkeit aufzuzwingen, respektiert das Projekt bestehende Eigentumsstrukturen und verwandelt jede „Sackgasse“ des Uferwegs in eine einzigartige räumliche Situation des Perspektivenwechsels: einen Ort der Pause, der Beobachtung, der Biodiversität oder des kollektiven Gedächtnisses. Jeder Perspektivenwechsel wird somit zum Erlebnispunkt und lädt ein, die Umgebung aus neuen Blickwinkeln zu erkunden. Die jeweiligen Interventionen orientieren sich direkt zum Wasser hin oder auf das Wasser hinaus und schaffen Räume zum Verweilen, Beobachten und Erleben des Sees. Besonders ist die immer spürbare und unmittelbare physischer Nähe zum Wasser.

Der Entwurf definiert somit die Bedeutung der Sackgasse neu und gestaltet sie als neue Erlebnispunkte. Anstatt ein Scheitern oder eine Unterbrechung darzustellen, wird jeder Erlebnispunkt zu einem Moment der Intensivierung für Begegnung, ökologisches Bewusstsein oder für das Zusammenleben verschiedener Lebewesen oder Naturwelten. Die Erlebnispunkte reagieren auf den spezifischen ökologischen Charakter seines Standorts und werden Teil eines größeren Ökosystems entlang des Seeufers. Einige Erlebnispunkte sind für die Beobachtung von Wasservögeln konzipiert, andere zeigen die Vielfalt der Ufervegetation, Lebensräume oder Mikrohabitate. Die ökologischen Ränder des Sees werden so bewusst durch subtile Gestaltungsgesten hervorgehoben, die die Aufmerksamkeit auf den Reichtum dieser Lebensräume und Übergangszonen lenken, ohne deren bestehende Bedingungen zu stören. Auf diese Weise unterstützt der Entwurf die ökologischen Ziele für den Landschaftsraum: den Schutz der Uferlebensräume, die Förderung der Biodiversität und Erhaltung des natürlichen Charakters des Gebiets, ohne den Druck auf die empfindlichen Uferzonen zu erhöhen oder private Zonen zu stören.

Ein zentraler Aspekt des Konzepts, um dem Anspruch einer linearen Vernetzung über den gesamten Uferverlauf gerecht zu werden, ist die Neuinterpretation der ehemaligen Berliner Mauer. Anstatt die Mauer in ihrer Logik als harte Barriere zu rekonstruieren, wird ein minimalintensives und partizipatives System der Pflege für den ehemaligen Mauerverlauf implementiert. Der damalige Todesstreifen verwandelt sich immer weiter zunehmend zum Lebensstreifen und wird mit einem Blühkorridor aus saisonal wechselnden Staudengewächsen – der „Mauerblume“ – visuell in den Fokus gerückt. Um als durchgehendes Gestaltungselement wirken zu können, sind die Bewohner:innen angrenzender Privatgrundstücke eingeladen, sich freiwillig an dem Projekt zu beteiligen, indem sie diese spezifische Form der gärtnerischen Ausgestaltung auf ihren eigenen Grundstücken umsetzen, und so aktiver Teil der Neukonzipierung des Griebnitzseeufers werden. Auf diese Weise wird die historische Grenze von einem Instrument der Trennung und Kontrolle in einen Raum der Zusammenarbeit und kollektiven Pflege verwandelt. Der Anspruch eines räumlich durchgehenden Uferwegs wird symbolisch, ökologisch und sozial umgesetzt und es entsteht eine neue Form der Kontinuität, jene einer die auf gemeinsamer Verantwortung für Landschaft und Erinnerung basiert.

Die Formensprache aller gestalterischen Elemente, speziell aber jener von neuen Wegeverbindungen und Erlebnisorten, stehen bewusst im Kontrast zur historischen Linearität sowohl der Mauer als auch der Uferlinie. Während die Mauer Starrheit, Kontrolle und Trennung verkörperte, nehmen die neuen Erlebnisorte einen organischen Charakter an und reagieren auf Vegetation, Topografie und bestehende ökologische Prozesse. Die Implementierung von Stegen erweist sich zum Schutz des ökologischen Bestands als logisch und zielführend. Naturräumliche Bestände (Bäume, Wiesen, Ufermauern, Gesteine, etc.) werden nicht verändert oder massiv gestört. Die unterschiedlichen Stegkonstruktionen bestehen aus Holz werden durch Handläufe – „Wegbegleiter“ – oder anderen Details in einem warmen und kräftigem Orangeton akzentuiert, wodurch ein visueller Kontrast innerhalb der Landschaft entsteht, insbesondere im Winter, wenn die Uferlandschaft und Vegetation optisch zurückhaltender und monochrom wirken. So sind die Erlebnisorte auch aus der Ferne und speziell vom Wasser aus erkennbar und ergeben ein zusammenhängendes Gefüge.

Die zentralen räumlichen Elemente und Steganlagen werden in den Realisierungsteilen umgesetzt, wenngleich ein kreisförmiger Steg im Realisierungsteil B einen speziellen Fokus bildet. Diese kreisförmige Struktur fungiert sowohl als symbolischer als auch als räumlicher Anker für die gesamte Interventionsstrategie. Als ausragender Steg bildet er die Blickbeziehung zu allen weiteren Uferabschnitten des Sees auf, verbindet die Punkte auf visueller Basis und schafft zugleich Orientierung. Auf dem Steg platzierte Ferngläser unterstützen diesen Blick auf die verschiedenen anderen Erlebnisorte und Interventionen. Das Beobachten wird so zu einem aktiven Instrument zur Interpretation der Landschaft. Die Besucher:innen werden nicht durch eine kontinuierliche lineare Bewegung geführt, sondern durch eine Abfolge visueller Beziehungen und Entdeckungen quer durch das Gebiet. Mit kuratierten Informationstafeln, ist der Bereich zugleich auch pädagogischer Treffpunkt, der informelle Begegnungen, ökologische Beobachtung und die Auseinandersetzung mit der Seelandschaft unterstützt. Dieser Ort, sowie auch an den anderen beiden Realisierungsbereichen, bietet Raum und Atmosphäre für (temporäre) Kunstinstallationen, die als jährlich wechselnde Elemente immer neue Attraktionen schaffen. Lokale Kunstschaffende werden dazu eingeladen, die Punkte zu bespielen, auch um die Identität und Auseinandersetzung mit dem Ufer weiter zu stärken. So dient Kunst hier nicht als Dekoration, sondern als Instrument, um Beziehungen zwischen Ort, Erinnerung, Ökologie und Gemeinschaft zu aktivieren.

Die Realisierungsteile A und C setzen diese Strategie durch subtile landschaftliche Eingriffe fort, die darauf abzielen, die bereits vorhandenen Vegetationsstrukturen und Nutzungsfunktionen (z.B. Aufenthalt, Freizeit, etc.) zu stärken und einladende Räume für Erholung, Lernen und ökologisches Bewusstsein zu schaffen. Jeder Eingriff enthält als pädagogische Komponente taktile Handläufe und Infoboards als integriertes Informationssystem, das den Besucher:innen die Geschichte, lokalen Ökosysteme und die an jenem Standort heimischen Arten näherbringt.
Realisierungsteil A als nördlicher Auftakt zum Ufergelände setzt die unterschiedlichen landschaftlichen Muster und Vegetationsbestände in Szene. Sie werden über neue Wege miteinander verbunden. Lichte Wiesenflächen für Aufenthalt und Freizeit gehen über in dichtere Wäldchen, vielfältige Uferlandschaften und neue Erlebnispunkte durch zwei Steganlagen, die den Blick in die weite Umgebung unterstützen. Im Raum verteilte Holzdecks laden zum Verweilen ein. Die nördliche Wegeverbindung in Richtung Babelsberpark wird aufgegriffen. Die Wegezugänge werden mit naturnahen und begleitenden Blumenwiesenflächen akzentuiert. Bestehende Oberflächen an den Wegen werden erhalten und mit auflösenden (Tritt-)Steinsetzungen erweitert, ohne großflächig zu versiegeln. Die Mauerblumen durchziehen das Ufergelände und werden punktuell zum Durchschreiten unterbrochen. Die bestehende Uferlandschaft sowie die gewachsenen (Pflanzen-) Strukturen stellen einen ökologisch und räumlich äußerst wertvollen Bestand dar. Daher werden die natürlichen Gegebenheiten in ihrer charakteristischen Ausprägung konsequent erhalten und im Sinne der Renaturierung nicht angetastet.
Realisierungsteil C behält seinen Charakter als lebendiger Ort, der Freizeit, Landschaft und Erholung fusioniert. Am der oben liegenden Zuwegung entlang des Straßengrüns lenkt ein Holzbalkon den ersten Blick auf das Ufer und den Griebnitzsee. Die Treppenanlage bleibt erhalten, lediglich der Handlauf wird gemäß des Gestaltungsprinzipes erneuert und im warmen orange einen Farbakzent setzen. Die beidseitig liegenden Geländeflächen werden als Wildblumenwiesen neu konzipiert, wobei zwei Mähkorridore und subtile Holzelemente im westlichen Geländeverlauf zum Verweilen einladen. Am Uferweg eröffnet sich die neue Steganlage, die linear hinaus aufs Wasser führt und mit einem orthogonalen Kopf neue Blicke und Aufenthaltsbereiche schafft. Am rechten Kopfende befindet sich die Schiffsanlegestelle, am linken Kopfende sind Sitzstufen mit Blick auf die Uferzone integriert. Anschließende und geschliffene Ufersteine zeigen einen sanften Übergang ins Wasser.
Am rechten Ufer bzw. Stegverlauf ist eine Ein- und Ausstiegshilfe für Kanus integriert. Diese können dann weiter über eine parallel zur Treppenmauer verlaufende Wanne einfach an die Straße gezogen werden. Die Mauerblumen werden als Element ebenso integriert, wobei der Verlauf über den Steg oder bei Wege mit einer farbigen Schattierung akzentuiert wird.

Die Gestaltung folgt dem Prinzip eines sensiblen Weiterbauens im Bestand: Vorhandene Oberflächenstrukturen werden weitestgehend erhalten und sollen dann erneuert werden, wenn funktionale Anpassungen erforderlich sind. Neue Oberflächen, auch im Sinne einer möglichen mittel- bis langfristigen Uferwegerweiterung, sollen sich an den Gestaltungsprinzipien des Entwurfs orientieren. Dabei wird auf wassergebundene Wegedecken mit Natursteinpflaster in organische Formen und Verlegeart gesetzt. Großflächige Baumrodungen werden keine vorgenommen, die Entwürfe respektieren den vorhandenen Vegetations- und Baumbestand und ermöglichen ein natürliches Wachstum. Neue Pflanzstrukturen enthalten Saaten für Wiesen- und Blumenwiesenflächen sowie die Staudengewächse der „Mauerblume“. Hierbei wird auf vier Arten gesetzt, die über die Saison im Blühverlauf aneinander anschließen: Lynchis flos-cuculi (März-April), Iris siberica (Mai-Juni), Lythrum salicaria (Juli-August) und Scabiosa columbaria (September-Oktober).
Das Beleuchtungskonzept setzt an wenigen Punkten neue Beleuchtungskörper ein, und bindet bei den Leuchtmitteln einen Rot-Filter ein, die nachtaktive Lebewesen (z.B. Fledermäuse, Insekten, Kleintiere) ungestört lässt und gleichzeitig für Menschen eine sensible Orientierung und ein angenehmes Lichtempfinden ermöglicht.

Aufgrund der vorgesehenen minimalinvasiven Interventionen bleiben die Gesamtkosten des Projekts auf einem vergleichsweise moderaten Niveau. Den größten Kostenanteil bilden die Stegkonstruktionen. In der Kalkulation wird davon ausgegangen, dass die bestehenden Strukturen – insbesondere Oberflächen und Treppenanlagen – weitestmöglich erhalten und lediglich abschnittsweise beziehungsweise punktuell erneuert werden.

Ideenteil

Jedes Uferweg-Ende innerhalb des Entwurfs wird zu einem neuen Ort, den Griebnitzsee zu erleben. Unterschiedliche räumliche Situationen erzeugen eigenständige Typologien, in denen das Wege-Ende in einen Loop mit ortsspezifischen Fokuspunkten transformiert wird. Der Entwurf respektiert bewusst bestehende Eigentumsverhältnisse sowie die Privatsphäre der Anwohnenden und versteht diese als wesentlichen Bestandteil der sozialen und historischen Realität des Ortes. Dadurch entstehen neue Formen des Zusammenlebens zwischen öffentlichem Raum, ökologischen Systemen und privatem Leben. Die Interventionen und neuen Erlebnisorte zeigen, wie fragmentierte Abschnitte des Uferwegs nicht als Unterbrechungen, sondern als vielfältige räumliche Erfahrungen, Potenziale und Anziehungspunkte neu gedacht werden können. Besucher:innen erleben den Uferweg als eine Abfolge von Entdeckungen statt als eine durchgehende Promenade. Jedes transformierte Uferwegende schafft eine eigene Begegnung mit dem Griebnitzsee. Visuelle Verbindungen über unzugängliche Bereiche hinweg erhalten die mentale Kontinuität des Ufers, während die Interventionen dazu einladen, sich zu verlangsamen und mit den ökologischen und historischen Schichten des Ortes auseinanderzusetzen. Alle Interventionen bleiben vom zentralen Pier aus sichtbar und werden dadurch Teil eines zusammenhängenden räumlichen Netzwerks entlang des Ufers.

Typologie A reagiert auf eine Situation, in der die Kontinuität des Uferwegs durch ein Privatgrundstück unterbrochen wird. Anstelle einer physischen Durchwegung schafft die Intervention eine visuelle Verbindung – eine „visuelle Brücke“ –, die den öffentlichen Blick über das Privatgrundstück hinweg auf die Fortsetzung des Uferwegs auf der gegenüberliegenden Seite lenkt. Die Intervention arbeitet mit gerahmten Blickbeziehungen, Orientierungselementen und räumlicher Führung, die die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Landschaft, die Wasseroberfläche und die Fortsetzung des Uferwegs richten – nicht auf das Privatgrundstück selbst. Auf diese Weise respektiert der Entwurf das Bedürfnis der Anwohnenden nach Privatsphäre.
Typologie B schafft einen Fokuspunkt, der der Biodiversität des Uferökosystems gewidmet ist. Eine Struktur auf niedrigen Stelzen schwebt behutsam über dem Gelände und ermöglicht es Besucherinnen und Besuchern, den Lebensraum des Ufers zu beobachten, ohne ihn zu beeinträchtigen. Dank der natürlichen Geländeneigung bleibt die Intervention barrierearm und mit minimalem Eingriff in die Landschaft zugänglich. Gleichzeitig bewahrt das steiler ansteigende Gelände zum angrenzenden Privatgrundstück hin die visuelle Trennung und schützt die Privatsphäre der Anwohnenden.
Typologie C setzt eine Intervention am Endpunkt des Uferwegs, die sich auf die Relikte der Berliner Mauer und das angrenzende Wasserökosystem konzentriert. Der Weg führt die Besucherinnen und Besucher direkt zu den erhaltenen Mauerfragmenten, die heute von Pflanzen und Tieren besiedelt werden, und transformiert sie zu einem räumlichen Ort der Reflexion und des historischen Bewusstseins. Gleichzeitig erweitert sich die Intervention auf die Wasserfläche und ermöglicht eine direkte Auseinandersetzung mit dem aquatischen Ökosystem sowie den ökologischen Bedingungen des Uferraums.
Die natürliche Geländeneigung zu den angrenzenden Privatgrundstücken bewahrt die visuelle Trennung und schützt die Privatsphäre der Anwohnenden.
Bei Typologie D bleiben isolierte Abschnitte des Uferwegs ausschließlich Tieren zugänglich. Die Intervention ist hier nicht für die Nutzung von Personen vorgesehen, sondern dient ausschließlich der Förderung der Biodiversität und der Schaffung geschützter Rückzugsräume für Flora und Fauna. Die Struktur funktioniert als habitatartige Intervention, ähnlich einem Vogelnest, und schafft Nist-, Schutz- und Ruheorte für Vögel, Insekten und andere Arten entlang des Ufers.