Verfasserin: Sigrun Langner
Mitarbeitende: Michael Rudolph, Luisa Mann, Paula Johanna Oeltze, Beatrice Puschkarski, Susanne Heimrich, Till Pulst, Agnes Müller, Lucie Rohe
Erläuterungstext
Leitidee/Entwurfsidee
Das Ufer des Griebnitzsees wird als vielschichtig geprägte Kulturlandschaft verstanden - historische, ökologische und landschaftskulturelle Schichten überlagen sich an diesem Ort. Wir schlagen vor, prägende Spuren dieser Schichten auszuarbeiten und sichtbar zu machen: Der historische Grenzverlauf mit dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Vorlandmauer und Hinterlandmauer zieht sich durch das gesamte Wettbewerbsgebiet, er wird kartiert und an einigen Stellen räumlich lesbar gemacht.
Das naturschutzfachlich wertvolle Seeufer wird auf vielfältige Weise ökologisch aufgewertet, um die Artenvielfalt und den Strukturreichtum zu stärken. Es soll eine durchgehend hohe ökologische Qualität entlang des gesamten Ufers erreicht werden und die Vielfalt wasserbezogener Habitate zwischen Land und Wasser befördert werden. Punktuelle Erschließung und Zugänge ermöglichen gezielte Ausblicke und das Erleben der ökologisch wertvollen und sensiblen Uferbereiche. Für die drei Realisierungsbereiche schlagen wir jeweils neue Zugänge zum See vor: die neue Wegespange mit Griebnitzseebalkon und Kleinem Seeblick, der Seeblick am Mauerweg, und die Seeterrasse am Bahnhof Griebnitzsee. Im Bereich des ehemaligen Grenzstreifens entlang des Ufers werden zeitgeschichtliche Spuren der deutsch-deutschen Teilung partiell durch Stahlbänder nachgezeichnet und Geschichte am authentischen Ort räumlich erfahrbar sowie historische Schichten durch Hintergrundinformationen im Raum ablesbar.
Nachhaltigkeit und Umgang mit dem Bestand
Der Bestand wird in allen Teilbereichen so weit wie möglich erhalten und in die Neugestaltung integriert:
Im Teil A wird der ehemalige Postenweg als historisches Relikt erhalten und kann weiter genutzt werden; im steilen Zugangsbereich zum Griebnitzseebalkon wird er durch eine flache Treppe ergänzt, um eine komfortable Erschließung des Seeufers zu ermöglichen. Weiterhin werden hier die bestehenden Waldwege behutsam so umgebaut und ergänzt, dass eine zumindest barrierearme Erschließung ermöglicht wird. Der Baumbestand wird weitgehend erhalten und partiell nur am Ufer, sowie als Sichtachse von der Karl-Marx-Straße aus, etwas ausgelichtet, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, und um von der Straße aus einen Blick über den See zu ermöglichen. Die ausgelichteten Bereiche werden mit standortgerechten Wildstauden- und Wiesenmischungen bepflanzt und tragen so zur Erhöhung der Artenvielfalt und des Strukturreichtums bei.
Der Treppenweg im Teil B wird im Bestand erhalten, der Weg wird als Steg mit Stufen auf das Wasser hinaus verlängert, ergänzt durch einfache gefaltete stählerne Informationstafeln, welche den Weg partiell überspannen und somit einen besonderen Raum schaffen, der durch seine Geschlossenheit einen Eindruck von Enge und Begrenztheit erfahrbar macht, und Informationen über die Zeitgeschichte dieses Ortes anschaulich vermittelt.
Der grundsätzliche räumliche Charakter im Teil C wird erhalten und behutsam weiterentwickelt: die Treppe mit den Kirschbäumen wird erhalten, der Platz vor der Anlegestelle in seinen Dimensionen aufgegriffen, jedoch als „Seeterrasse“ neu definiert und zum See hin erweitert - die Kante zum Ufer wird durch Sitzstufen und eine flache Plattform direkt am Wasser ergänzt, so dass nun ein direkter Zugang zum See und das Anlegen von kleinen Booten ermöglicht wird. Die baufällige bestehende Mauer wird zugunsten der Stufen entfernt. Der Baumbestand wird weitgehend erhalten, ein großer mehrstämmiger Bestandsbaum wird in die Gestaltung integriert. Der Anlegesteg der Stern- und Kreisschifffahrt wird unverändert erhalten.
Das Vegetationskonzept basiert auf einer Erhöhung der Arten- und Strukturvielfalt in allen Teilbereichen, die Auswahl der Baumaterialien bevorzugt solche mit möglichst günstiger Klimabilanz. Die Entwicklung vielfältiger uferbezogener Habitatstrukturen wird durch das Einbringen von Strukturen wie Unterwassergärten, vertical wetlands oder Röhrichinseln unterstützt.
Klimaanpassung
Mit der Neugestaltung können Aspekte einer klimaangepassten Gestaltung umgesetzt werden: helle Oberflächenbeläge bei befestigten Flächen zur Erhöhung der Albedo, Neupflanzung von robusten, trockenheitsresistenten Bäumen und Gehölzen, artenreiche Stauden- und Wiesenmischungen, Versickerung der Niederschlagswasser vor Ort, Verwendung von Baumaterialien mit möglichst geringer Klimabilanz.
Gestaltung und Nutzungsverteilung
Im Teilbereich A bildet der erhaltene Postenweg die historische Spur und den Auftakt des langfristig angestrebten durchgehenden Uferweges. Ein „neuer Uferweg“ führt von der „Wasserstraße“ zunächst mit flachen Treppen parallel zum bestehenden steilen Postenweg, dann flacher in wassergebundener Decke zum Seeufer. Der „neue Uferweg“ bildet drei Spangen aus, die sich als Stege und Aufenthaltsorte am Wasser über die die Uferkante hinausschieben und vielfältige Blickbeziehungen über den Griebnitzsee erlauben. Die ersten beiden Stege - der „Griebnitzseebalkon“ umschließen eine geschützte Bucht mit Liegewiese unter Bestandsbäumen, an der Seeseite eingefasst mit einer Sitzstufe. Am östlichen Ende des Teilbereichs bildet der „Kleine Seeblick“ den Übergang zur Treppe Richtung Karl-Marx-Straße, und perspektivisch den weiterführenden Anschluss an den Uferweg. Die bestehenden Pfade im Wald werden behutsam zu schmalen, barrierearmen Wegen ausgebaut, ein zusätzlicher Wegeabschnitt erlaubt den Zugang zum Wasser ohne Stufen. Der Verlauf des ehemaligen Grenzstreifens wird an einigen Stellen durch ein Rohstahlband sichtbar gemacht, in den Hangbereichen schneidet dieses in das Gelände ein und symbolisiert damit den Einschnitt, den die Grenzanlagen in der Stadt- und Kulturlandschaft verursachten. Im flachen Gelände zeigt es sich in kurzen Abschnitten als niedrige vertikale Kante oder in Wegebeläge eingebettete Intarsie. Im östlichen Teil wird die Linie durch ein einfaches, gefaltetes Dach in Stahlkonstruktion aufgenommen, es dient als Unterstand für (Wasser-) Wanderer und Informationspunkt in diesem Abschnitt des Uferwegs.
Im Teil B wird der bestehende Treppenweg mit einer leichten Stahlkonstruktion als Informationsträger und Überdachung überbaut, welche den ehemaligen Grenzstreifen abbilden. Der abgetreppte Steg erlaubt das Sitzen am Wasser mit Blick über den See und dient als Anlegestelle und Wasserwanderrastplatz.
Im Teil C wird der „Wasserbalkon“ als städtischer Freiraum entwickelt, steinerne Oberflächen und die Sitzstufen zum Wasser ermöglichen Aufenthalt und Treffpunkt, und bieten so auch einen großzügigen Vorplatz für größere Gruppen an der Anlegestelle. Stufen zum Wasser dienen gleichzeitig als Anlegestelle für kleine Freizeitboote. Auch hier wird der ehemalige Grenzstreifen sichtbar gemacht: im Hangbereich als Cortenstahlkante, symbolisch das Gelände zerschneidend, und im Boden als flache Intarsie.
Entwässerung und Regenwassermanagement
Die Entwässerung der wenigen voll versiegelten, sowie der teilversiegelten Oberflächen erfolgt vollständig in die umgebenden Grünflächen. Auf Grund des geeigneten Bodens und des geringen angestrebten Versiegelungsgrades sind keine besonderen Maßnahmen zur Regenwasserbewirtschaftung erforderlich.
Verwendete Materialien und Pflanzenverwendung
Die neuen Wege und kleinen Platzflächen werden überwiegend aus wassergebundener Decke hergestellt, die Stege als Stahlkonstruktion. Der Platz an der Anlegestelle im Teil C wird aus Natursteinpflaster im Passeverband gestaltet, um eine ausreichend Robustheit für die Nutzung zu erhalten. Einfassungen, Treppen und Sitzstufen werden ebenfalls aus Naturstein hergestellt. Üblicherweise vor Ort verwendete Steinsorten kommen hier zum Einsatz, und sorgen für eine langlebige, pflegearme und wertige Gestaltung.
In allen Teilbereichen wird eine artenreiche und standortangepasste Bepflanzung zur Erhöhung der Strukturvielfalt angestrebt, sowohl für Stauden als auch Gehölze. Die unterschiedlichen kleinräumigen Standortbedingungen erlauben hier eine hohe Vielfalt: Litoral mit Röhrichtzone, Schwimmblattzone, Schilf und Uferstauden, in den trockenen Hangbereichen und unter dem alten Baumbestand entsprechender Unterwuchs mit halb-/schattenverträglichen Wildstaudenmischungen und Wiesenansaaten.
Neupflanzungen für Bäume orientieren sich an den Standortbedingungen und dienen gleichzeitig auch als Blickfang und Markierung für die neuen Wege- und Blickbeziehungen am und zum See, geeignet sind hier in den Uferlagen Quercus robur, Alnus glutinosa, Salix alba und Salix fragilis (diese auch zur Uferbefestigung), in den höher gelegenen Hangbereichen auch Quercus petraea und Acer pseudoplatanus.
Leitsystem
Das Leitsystem orientiert sich am bestehenden Material- und Farbspektrum des Mauerweges, bildet aber eine eigenständige Gestaltung. Rostfarbener Corten- oder Rohstahl wird für die Markierung des ehemaligen Grenzstreifens verwendet, hiervon abgeleitet sind Stelen, Sitzkanten, Schilder und kleine Überdachungen, sowie Markierungen im Wasser. Das Leitsystem findet sich an allen Zugängen von der Stadt aus, sowie als Markierung im Wasser für Wasserwanderer. Es dient als Orientierungshilfe und gleichzeitig Informationsträger zur Geschichtsvermittlung im gesamten Plangebiet.
Kosten und Wirtschaftlichkeit
Der Kostenrahmen kann eingehalten werden. Die Wege- und Platzflächen entsprechen üblichen Standards. Vegetationsflächen sowie Verbesserungen des Ufers werden überwiegend extensiv mit ökologischem Schwerpunkt hergestellt. Intensive Interventionen sind lediglich für den „Griebnitzseebalkon“ in Teil A, sowie an der „Seeterrasse“ in Teil C vorgesehen. Die Pflege der Wiesen, Staudenfluren und Gehölze ist ganz überwiegend extensiv, ausgenommen die Liegewiese und der Hang an der Seeterrasse mit den bestehenden Kirschbäumen.
Barrierefreiheit
Im Teil A kann weitgehende Barrierefreiheit durch das Hinzufügen eines maximal 6% Steigung aufweisenden Weges erreicht werden, welcher an die „Wasserstraße“ und die bestehenden, auszubauenden Pfade im Hangbereich anschließt. Entlang des steilsten Abschnittes des ehemaligen Postenweges wird eine neue, flache Treppe geführt, welche eine komfortable Begehbarkeit des Steilabschnitts ermöglicht. Alle übrigen Wege in Teil A sind barrierefrei. In den Teilen B und C bleibt die Barrierefreiheit eingeschränkt, da die bestehenden Stufenanlagen nicht verändert werden.
Downloads
- Ansichten der Rudolph Langner - Station C23