Verfasser: Stephan Lenzen
Mitarbeitende: Jialing Zhang, Theresa Herrmann, Sabelo Jeebe
Visualisierung: Christian Marrero
Erläuterungstext
Offenes Ufer: Zwischen See und Garten
Leitidee und Entwurfsidee
Der Entwurf versteht das Südufer des Griebnitzsees als einen Raum, dessen Geschichte noch nicht abgeschlossen ist. Wer heute durch die Lücken des Uferwegs läuft, erlebt unmittelbar die Folgen von Teilung, Privatisierung und ungelöstem Konflikt. Das Konzept nimmt diese Realität als Ausgangspunkt und entwickelt daraus eine räumliche und inhaltliche Strategie in zwei Ebenen: einen qualitätvoll gestalteten Weg auf den verfügbaren öffentlichen Flächen sowie einen Ideenteil, der exemplarische Lösungen für die hypothetische Durchquerung privater Ufergrundstücke aufzeigt.
Im Ideenteil werden vier topografische Typologien entwickelt, die das Grundprinzip des eingebetteten Hohlwegs variieren: der Weg legt sich in das Gelände, schützt die Privatheit der Eigentümer und erhält gleichzeitig die Sichtbeziehung vom Wohnhaus zum See. Die Trockensteinmauer als gemeinsames Material verbindet alle Typologien und ist zugleich ökologischer Lebensraum. Auf Abschnitten ohne realisierbare Erschließung verbleibt der Bestand, versehen mit einem klaren Hinweissystem: das neue Material kommuniziert Öffentlichkeit, der Bestand kennzeichnet die Lücke.
Typologien des Ideenteils
Typologie A — Hohlwegwirkung durch Aufschüttung
Wo das Gelände keine natürliche Stufe bietet, wird die Hohlwegwirkung durch leichte Aufschüttung auf der Hausseite hergestellt. Der Hausgarten liegt nach der Maßnahme höher als der Weg – der Eigentümer schaut über den Weg hinweg zum See, die Sichtbeziehung wird gegenüber dem Istzustand sogar verbessert. Eine Trockensteinmauer fasst die Aufschüttung zur Wegseite und bildet eine präzise, begrünbare Kante. Zum Wasser hin bilden sich abwechselnde Sichtfenster vom Weg oder durch Vegetation blickgeschützte Zonen am privaten Ufer.
Typologie B — Hohlweg durch natürlichen Höhenversatz
Der Weg wird in den bestehenden Geländeversatz eingeschnitten. Die natürliche Topografie erzeugt die Hohlwegwirkung ohne zusätzliche Aufschüttung oder bauliche Eingriffe. Der Passant bewegt sich unterhalb des Grundstücksniveaus – kein Einblick in den privaten Garten, kein Sichtschutz erforderlich. Die Sichtachse vom Wohnhaus über den eingeschnittenen Weg hinweg zum See bleibt vollständig erhalten. Der Hohlweg wird durch Trockensteinmauern abgefangen. Wechselseitig entstehen zum Wasser hin Blickfenster oder für die Privateigentümer durch Vegetation Blickgeschützte Zonen.
Typologie C — Weg an der Grundstückskante mit Höhenversatz
Der Weg verläuft nicht durch das Grundstück, sondern an dessen Kante – zwischen privatem Garten und öffentlichem Ufersaum. Der vorhandene Höhenversatz schafft eine natürliche Trennung der Ebenen ohne zusätzliche Abschirmung. Eine Trockensteinmauer stützt die Geländekante zur Grundstücksseite. Je nach wunsch können Benjeshecken oder Wildobsthecken zusätzliche Abschirmung bieten. Unterhalb des Weges entfaltet sich der öffentliche Ufersaum als naturnahe Zone – Bewegungsraum oben, Aufenthalts- und Naturraum unten. Dies ist die räumlich reichste der vier Situationen.
Typologie D — Weg direkt an der Uferkante ohne Puffer
Die räumlich engste Situation: kein öffentlicher Ufersaum, kein Vegetationspuffer, das Privatgrundstück grenzt unmittelbar an. Der Weg verläuft direkt am Wasser auf der Spundwand. Es grenzt eine flache Trockensteinmauer als abgrenzende Struktur an. Diese kann entweder durch Benjeshecken oder Wildhecken als klare Grenze zum Privatgarten genutzt werden. Alternativ wird auf Privatseite ein wenige Meter breiter dichter Vegetationsstreifen als zusätzlicher Puffer angelegt. Auch hier kann eine leichte Geländeaufschüttung für einen Panorama- bzw. Terrasseneffekt im Privatgarten mit Blick auf den See sorgen.
Nachhaltigkeit und Umgang mit dem Bestand
Der historische Postenweg wird als bedeutendes Zeugnis der deutschen Teilung substanzschonend in die Wegeführung integriert. Bestehende Biotopstrukturen, Schilfgürtel und Altbaumbestand bleiben erhalten. Eingriffe beschränken sich auf das konzeptionell notwendige Minimum. Trockensteinmauern, heller Asphalt und standortgerechte Staudenpflanzungen sichern einen dauerhaft robusten und pflegearmen Betrieb.
Klimaanpassung und Entwässerung
Der Uferweg wird in hellem Asphalt ausgeführt, der über begrünte Bankettstreifen beidseitig in angrenzende Grünflächen entwässert. Auf technische Entwässerungssysteme wird vollständig verzichtet. Die helle Oberfläche nutzt den Albedo-Effekt zur Reduzierung der Wärmebelastung und verbessert das Mikroklima entlang des Ufers. Der erhaltene Altbaumbestand sichert Verschattung und Verdunstungsleistung. Trockensteinmauern speichern Wärme und geben sie verzögert ab. Pflanzungen erfolgen ausschließlich mit klimaangepassten, regionalen Arten.
Gestaltung und Nutzungsverteilung
Die drei Realisierungsbereiche bilden ein abgestuftes System: Realisierungsteil A als ruhiger, naturhafter Auftakt mit aneigenbarer Uferwiese, Wanderrastplatz und Wasserzugang, Realisierungsteil B als punktueller Wasserzugang mit Aufenthaltssteg und Wassersportzugang, Realisierungsteil C als urbaner Aufenthaltsbereich mit Hangterrasse, Treppenpromenade und direktem Seezugang am S-Bahnhof. Jugendliche und Studierende werden als wichtige Zielgruppe insbesondere in Realisierungsteil C durch informelle Sitzstufen und offene Rasenflächen adressiert.
Materialien und Pflanzenverwendung
Der Uferweg erhält einen hellen Asphaltbelag, der sich klar vom ungestalteten Bestand abhebt und damit als Leitsystem funktioniert. Stützelemente werden als Trockensteinmauern aus regionalem Naturstein ausgeführt. Möblierung in dunkelgrau pulverbeschichtetem Stahl mit Sitzflächen aus thermisch behandelter Robinie. Pflanzungen folgen dem Leitbild der standorttypischen Ufervegetation: Röhricht, Uferstauden, Gehölzsäume aus regionaler Herkunft. Maulbeerbäume als lebendige Marker der vorindustriellen Nutzungsgeschichte.
Leitsystem
Das Informations- und Leitsystem entwickelt eine Systemfamilie aus fünf Zeitschichten, die jeweils durch eine spezifische Materialkombination und Leitfarbe unterschieden werden: Eichenholz und Beige für die Lennézeit, Gusseisen und Dunkelgrün für die Villenkolonie, schwarzmatter Stahl für die NS-Zeit, Cortenstahl und Rot-Orange für den DDR-Grenzraum, weißer Stahl und Blau für die Nachwendezeit. Allen Elementen gemeinsam sind ein standardisierter Infowürfel auf Augenhöhe und eine einheitliche Schrifttype. Die Zeitschichten werden nicht chronologisch entlang des Weges angeordnet, sondern ortsspezifisch dort verortet, wo ein räumlicher und dokumentarischer Bezug besteht. Das System schließt an die Gestaltleitlinien des Berliner Mauerwegs an und ergänzt den bestehenden Potsdamer Informationspfad.
Realisierungsetappen
Das Konzept folgt einer etappenweisen Entwicklungslogik, die auf die fragmentierte Eigentumssituation reagiert. In einem ersten Schritt werden die drei Realisierungsbereiche als qualitätvolle, eigenständige Uferorte mit direktem Seezugang ausgebaut. Sie bilden die Anker des Gesamtsystems und schaffen unmittelbar erlebbare Qualität, unabhängig vom Fortschritt der Gesamterschließung.
Wo öffentliche Grundstücke eine durchgehende Wegeführung bereits heute ermöglichen, werden diese Abschnitte als vollwertige Teilstrecken ausgebaut und mit den Realisierungsbereichen zu erlebbaren Schlaufen verknüpft – Routen, die vom Straßenraum ans Wasser und wieder zurückführen, ohne in einer Sackgasse zu enden. Abschnitte, die durch private Grundstücke blockiert werden und keine solche Schlaufenführung erlauben, werden bewusst aus der Gestaltung ausgenommen. Sackgassen, die lediglich auf eine Barriere zuführen, werden nicht realisiert, da sie Frustration erzeugen und dem Gesamtkonzept schaden. Die unvermeidbaren Lücken im Uferverlauf werden stattdessen über den angrenzenden Straßenraum – Rudolf-Breitscheid-Straße, Karl-Marx-Straße, Virchowstraße – als Ausweichroute abgedeckt und durch das Leitsystem klar kommuniziert.
Mit dem Fortschritt des B-Planverfahrens und der schrittweisen Öffnung weiterer Uferabschnitte können bestehende Schlaufen zu durchgehenden Wegabschnitten weiterentwickelt werden. Das Konzept ist so angelegt, dass jede Etappe für sich vollständig und qualitätvoll ist – nicht als Fragment eines unfertigen Ganzen, sondern als eigenständiger öffentlicher Raum am Wasser.
Barrierearmut
Die topografische Situation des Südufers erlaubt keine vollständige Barrierefreiheit entlang des gesamten Uferwegs. Das Konzept maximiert Barrierearmut an den flacheren Zugängen im Westen und Osten des Plangebiets. Realisierungsteil C wird als urban geprägter, treppenerschlossener Ort konzipiert, dessen räumlicher Charakter durch eine Rampenanlage nicht zumutbar beeinträchtigt werden dürfte. Alle Wegoberflächen werden erschütterungsarm, eben und trittsicher ausgeführt.
Downloads
- Ansichten der RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten