Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH (Arbeit Nr. 1073)

Perspektive aus dem Wettbewerbsergebnis für Griebnitzsee
© Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH

Verfasser: Franz Reschke
Mitarbeitende: Johanna König, Ana Belusa, Leander Stiemerling, Felix Ridder
Ökologie und Wasserbau: Landschaft Planen Bauen GmbH - Berlin, Uli Christmann 
Beleuchtung: Anselm von Held - Berlin, Anselm v. Held
Szenografie/Leitsystem: Franke | Steinert GmbH - Berlin, Frank Steinert
Visualisierung: Pikka pekkane - Berlin, Claudia Köllner

Erläuterungstext

"Fenster zum See" – Freiflächen am Griebnitzsee, Potsdam

Annäherung und Leitbild

Bei der Gestaltung der öffentlichen Freiräume am Ufer des Griebnitzsees gilt es verschiedene, maßgebliche Aspekte zu berücksichtigen und trotz ihrer scheinbaren Widersprüchlichkeit zusammenzuführen: Erholungsnutzung, Ökologie und Geschichtserleben. Die Vergangenheit und Gegenwart des Ortes ist allein in den letzten 100 Jahren sehr vielschichtig – Enteignung, Mauerbau und Nachwendezeit. Die Zukunft ist es voraussichtlich ebenfalls, in Zeiten des Klimawandels und der immer intensiveren Beanspruchung knapper werdender Freiräume. Die Wegeführung auf der Trasse des ehemaligen Postenweges minimiert die Eingriffe in den wertvollen Bestand. Die neuen platz- und parkartigen Uferzugänge bündeln die Nutzung. Weite Teile der Uferlinie bleiben unberührt und werden vor einer Übernutzung geschützt. Ergänzt wird dies durch eine erzählerische Ebene der Geschichtsvermittlung.Ausgehend vom dichten Grün entlang des Ufers entsteht eine Sequenz von charakteristischen, sich zum See hin öffnenden, Freiräumen. Der Blick auf den See, das Verweilen auf der Wiese, der Zugang zum Wasser - wird durch den Kontrast zur Dichte der rahmenden Vegetation inszeniert. Entlang des Spazierweges staffelt sich das Bild - vom Hang über die differenzierte Uferzone zur Weite des Sees.

Uferwiese und Postenweg (A)

Die vorhandene Situation an der Wasserstraße besitzt großes Potential hinsichtlich der Schaffung eines attraktiven Freiraums am Ufer und der Verknüpfung mit dem Park Babelsberg gesehen. Durch die selektive und behutsame Entnahme aufgewachsener Gehölze und der Strauchschicht im Uferbereich wird der Blick auf den See deutlich freigestellt. Östlich und westlich bleibt die Strauchschicht erhalten und rahmt den Blick (siehe Abschnitt Ökologie). Die rückwärtig gelegene Wegetrasse des ehemaligen Postenweges, ergänzt um zwei schwellenlose Stichwege (zum Park Babelsberg mit ca. 5% Gefälle bzw. mit ca. 3-4% Gefälle zum Ufer und Anleger) bildet einen Rahmen für das großzügig geöffnete ‚Fenster zum See’. Am Weg angelagert ist ein naturnaher Spielbereich vorgesehen. Das Spielangebot besetzt den schmalen wegbegleitenden Streifen und vermittelt zu den zu schützenden Flächen in der Böschung. Gestalterisch und thematisch passt es sich in den landschaftlichen und naturnahen Bestand ein – unbearbeitete, geschälte Stämme fügen sich zu einer frei interpretierbaren und sehr gut bespielbaren Struktur – halb Nest, halb Höhle, halb Schilfgürtel im Wind... Zwischen Spielbereich und der Uferwiese ist ein beidseitig nutzbarer Bankstandort vorgesehen, der auf kurzem Weg für alle Flanierenden sehr gut erreichbar ist (siehe Abschnitt Details). Darüber hinaus erfolgt eine zurückhaltende wegbegleitende Ausstattung. Die Lage der Vorderlandmauer wird als Plattenband in der Wiese nachgezeichnet und bildet so einen erzählerischen Pfad durch die teils höheren Wieseninseln. Im Nordwesten wird eine schwellenlose Wegeverbindung zum Park Babelsberg herausgearbeitet. Auf der bestehenden Spundwand lädt eine Sitzstufe und ein weiterer Bankstandort zum Ausblicken ein. Das Entrée an der Wasserstraße wird mit einem Pflasterteppich und durch einen Hauptverteiler des Leitsystems (siehe Abschnitt Szenografie) markiert.

Stichweg und Anleger (B)

Der Zugang zum Ufer ist an der Virchowstraße mehr oder weniger unscheinbar. Die Situation besitzt jedoch, am See angekommen, große Qualität. Es werden hier wenige, präzise Maßnahmen vorgeschlagen: Verbesserung der Auffindbarkeit durch ein Ortsschild (‚Villa Goldschmidt‘) und die Gestaltung der Gehweg-Oberflächen hinführend zu einer klar erkennbaren Entréesituation. Der weiterführende Wege- und Treppenlauf bleibt erhalten und wird nur partiell ertüchtigt. Am Ufer bietet der neu errichtete Steg sehr hohe Aufenthaltsqualität und einen weiten Ausblick ohne verstellendes Geländer wasserseitig (durch eine vorgelagerte Sitzstufe) sowie einen direkten Wasserzugang für Sportboote. Die Neupflanzung einer Weide im Nahbereich des Steges, lässt dieses langfristig zu einem besonderen Ort werden.

Platz am Ufer  (C)

Der Platz am Ufer, direkt am Schiffsanleger und direkt am S-Bahnhof Griebnitzsee, bildet einen hochattraktiven Zugang zum See und den Freiräumen entlang des Ufers. Im Bestand bietet der Platz zwar Aufenthalt, aber ‚er erzählt‘ nur bedingt von seiner besonderen Lage direkt auf dem Mauerstreifen. Das Potential Besucher:innen hier mehr über die Geschichte mitzugeben, soll an dieser über eine Freiraumausstellung genutzt werden (siehe auch Abschnitt Szenografie). Die Ausstellung besetzt die rückwärtige Seite des Platzes, der sich ziemlich exakt zwischen der Lage der ehemaligen Vorder- und Hinterlandmauer aufspannt. Die Informationsträger sind dabei unter Augenhöhe gestaltet um den Blick auf den See freizuhalten. Drei neugepflanzte Prunus spenden dem leicht changierenden Belagsteppich aus gebrauchtem und gesägtem Natursteinpflaster und den seeseitig gestellten Bänken attraktiven Schatten . Der Platz wird durch die ergänzende Möblierung, die vertiefende Mauer-Ausstellung und den Versatz des Uferweges an dieser Stelle zur ‚Pause am Fenster‘ – der Blick wendet sich dem See zu. Drei auf der Spundwand aufgesetzte Sitzstufen lassen eine attraktive Situation direkt am Ufer entstehen. Links und rechts des Platzes wird das Ufer ökologisch aufgewertet (siehe Abschnitt Ökologie). Ebenso zur besseren Einbindung und Wahrnehmbarkeit des Platzes trägt die Gestaltung des straßenseitigen Entrées bei. Ein Hauptverteiler empfängt und ein Bankstandort mit sehr gutem Ausblick lädt auch oberhalb der Böschung zur Pause ein. Die Treppe wird erhalten, die Böschung wird um wenige Meter nach Norden verlängert was zu einem verringerten Anteil versiegelter Fläche führt. Der Steg der Schifffahrt wird verbessert angebunden, eine Anpassung der Brüstung an dieser Stelle wäre zu empfehlen.

Details, Bauweisen und Wirtschaftlichkeit

Die teils steilen Parkwege (im Bereich A) werden im Sinne einer ganzjährigen Begeh- und Berollbarkeit als robuste und dauerhafte Asphaltoberfläche ausgeführt bzw. erhalten. Die straßenseitigen Entrées sowie die Bankstandorte sind mit Naturstein gepflastert vorgesehen. Diese setzen Aufenthalt und Bewegung klar strukturiert voneinander ab. Es wird eine robuste und gleichzeitig hochwertige Parkmöblierung basierend auf dem Profil der Potsdamer Bank vorgeschlagen. Diese wird für die verschiedenen Situationen, wie z.B. Spiel, Weg, Platz und Ufer, ausdifferenziert - teils beidseitig, abschnittsweise mit Rückenlehne, unterschiedliche Sitzhöhen. Die Belange der Barrierefreiheit werden berücksichtigt – einschränkend ist dabei die in Teilen nur bedingt veränderliche starke Topografie. An den Übergängen zu Verkehrsflächen erfolgt eine Hinweisgebung taktil und visuell durch die gepflasterten Oberflächen. Fahrradmobilität werden an den einzelnen Ankunftsorten und Einstiegsbereichen in den ufernahen Bereichen auf dem oberen (Stadt-)niveau vorgesehen. Das Budget scheint für die Umsetzung der ersten Maßnahmen in den drei Teilbereichen knapp, aber grundsätzlich ausreichend, wobei bzgl. der Spundwände oder der Gründung der Steganlagen eine belastbare Aussage nur basierend auf weiteren Untersuchungen möglich ist. Bzgl. des Postenweges sollte angestrebt werden, weite Teile der Deckschicht mindestens aber der Tragschicht im Bestand zu erhalten und weiter zu nutzen. Weiterführender Leitgedanke ist es ‚einfach und vernünftig‘ zu bauen und den ressourcenbezogenen Fußabdruck gering zu halten, den Bestand wo möglich und sinnvoll zu integrieren (Mauern und Stufen) sowie mit anfallenden Erdmassen vor Ort umzugehen.

Ökologie und Ressourcen

Die ökologische Konzeption ist integraler Bestandteil des Entwurfes für die öffentlichen Uferfreiräume. Es werden dabei drei wesentliche Schwerpunktbereiche und Themen unterschieden: Flachwasserzonen, Ufermauern und  Böschungsbereiche. Die Flachwasserzonen von Stillgewässern sind ein Hotspot der Biodiversität – so auch am Griebnitzsee. Derzeit weisen die Uferzonen im Wettbewerbsgebiet infolge von Wellenschlag und hoher Nutzungsintensität eine nur begrenzte Naturnähe auf. Der Entwurf sieht dem Ufer vorgelagerte Holzpfahlreihen vor. Diese werden als Pfahlpakete von der Wasserseite eingebaut. Die dadurch entstehenden Flachwasserzonen zwischen Pfahlreihen und aktueller Uferlinie gestalten sich künftig störungsarm (kein Wellenschlag, nicht für Boote erreichbar). Mittels Sand- und Kies-Einbringung werden abwechslungsreiche Flachwasserzonen mit wenigen Dezimetern Wassertiefe hergestellt. Hier sollen Röhrichtbestände durch Initialpflanzungen mit Schilf und Rohrkolben entwickelt werden. Diese Röhrichte stellen wertvolle Kleinhabitate für Jungfische, Brutvögel etc. dar und sorgen auch für eine visuelle Bereicherung. Zudem wird mit der Maßnahme eine fortschreitende Ufererosion verhindert. Die Maßnahmen sind vollumfänglich außerhalb der durch die Schifffahrt genutzten Bereiche vorgesehen. Die bestehenden Spundwände am Ufer im Teilbereich A und C sind gegenwärtig ökologisch wie auch visuell geringwertig. Eine Aufwertung der Wände erfolgt durch eine Begrünung mittels Anbringung von Pflanzkästen. Diese werden so angebracht, dass sie im Kontakt mit der Mittelwasserlinie des Sees stehen. In der Folge bilden sich Wurzelbärte im Wasser aus, die als Mikrohabitat von Fischen und Makrozoobenthos-Organismen genutzt werden. Zudem nutzen Fische die Kästen gerne als Unterstand. Die Bepflanzung erfolgt mit ansprechenden Feuchtstauden wie z.B. Blutweiderich. Spundwandkästen wurden bereits am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal installiert und haben sich im Zuge eines begleitenden Monitorings als ökologisch zielführend erwiesen. Auch für die Steganlage im Bereich B sind ähnliche Maßnahmen sehr gut denkbar. Die mit Laubgehölzen bestockten Böschungen im Bereich A sind aufgrund ihrer starken Neigung empfindlich gegen Übernutzung und Trittbelastungen. Hangparallel angeordnete Schichtholzhecken übernehmen eine Lenkungsfunktion und halten Besucher:innen und deren Hunde davon ab, die Böschungen „querfeldein“ zu betreten. Durch die Verringerung der Trittbelastungen nehmen Bodenverdichtungen ab und die Ausbildung einer naturnahen Krautschicht wird begünstigt. Dadurch können die Böden Niederschlagswasser (v.a. bei Starkregen) besser aufnehmen und die Resilienz der Gehölzbestände wird verbessert. Durch die hangparallele Anordnung wird zudem Falllaub im Hang festgehalten und so der Humusgehalt der Böden vergrößert. Die Schichtholzhecken fungieren als eigene Habitatstruktur, indem sie Nahrung für xylobionte Käfer, Pilze etc. sowie Deckung für Kleinsäuger, Reptilien und Amphibien bieten. Darüber hinaus wird der wertvolle Baum- und Vegetationsbestand in den drei Teilbereichen weitgehend integriert jund differenziert ergänzt und entwickelt. Der Unterhalt der Wiesenflächen im Bereich A ist extensiv vorgesehen.

Szenografie

Die Freiräume am Ufer des Griebnitzsees sind gleichermaßen Erholungsort und Ausflugsziel der Potsdamer und Berliner Stadtbevölkerung sowie authentisches Zeugnis und erzählerischer Ort der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte für Besuchende aus dem In- und Ausland. Der öffentliche Freiraum bietet die Möglichkeit, zukünftig ‚mehr‘ von dieser Geschichte zu vermitteln. Als Einstieg und zentralem Anlauf- bzw. Informationspunkt ist eine kompakte Freiluftausstellung auf dem Platz am Ufer (S-Griebnitzsee) geplant. Diese ist aus allen Richtungen von weitem sichtbar und durch die an dieser Stelle längere Verweilzeit (Pause, Wartezeit Schifffahrt) gut nutzbar. Wegbegleitend und an den verschiedenen geschichtsrelevanten Orten werden Hinweisschilder – und tafeln eingesetzt. Die Informationsträger bestehen aus gefaltetem Stahl, als Stele oder Pult. Sie sind skalierbar und erlauben so eine Anpassung an ein weiter zu konkretisierendes kuratorisches Konzept. Das Ausstellungsmobiliar ist lackiert gefertigt und wird im Siebdruckverfahren bedruckt. Die Farbigkeit entsteht durch die Materialeigenschaften. Der Siebdruck ist in schwarz geplant. Die Ausstellung wird gestalterisch nach Kriterien des "Design for All“ konzipiert. Für alle Zielgruppen wird ein Angebot gemacht.

Beleuchtung

Die Platzsituation am Schiffsanleger wird, wie auch ggf. weitere urbane Situationen am Ufer zukünftig beleuchtet. Die dabei vorgesehene LED-Technik ist zurückhaltend, langlebig, wartungsarm und energieeffizient. Durch präzise Lichtoptiken werden Lichtemissionen in den Himmel reduziert. Durch die warme Lichtfarbe mit geringem Blauanteil wird die Beeinträchtigung von Insekten minimiert. In der Nacht wird die Beleuchtungsstärke auf ein Mindestmaß reduziert.
Untersuchung Wegeführung im Bereich der Privatgrundstücke - Anhand von vier Beispielen wurde die Einbindung eines geplanten Uferweges im Bereich der Privatgrundstücke skizzenhaft untersucht. Es sind für die Grundstückseinfriedung Heckenpflanzungen mit einer Höhe bis 170 cm und uferseitig transparente Zäune Höhe bis 120 cm oder flache Hecken vorgesehen. Diese können und werden sich durch die weiterführende gärtnerische Gestaltung der Privatgrundstücke sehr gut integrieren. Durch die vorgeschlagenen Maßnahmen entstehen bei einem Neubau des Uferweges nur geringfügige visuelle Beeinträchtigungen des Blicks auf den Griebnitzsee. Durch die geringe Wegebreite mit Bankettstreifen wird die Zerschneidung zusätzlich minimiert. Auf Geländemodellierungen wird verzichtet um weitere Eingriffe in die privaten Grundstücke zu vermeiden.

Der Arbeitstitel ‘Fenster zum See’ beschreibt die Freiräume am Ufer des Griebnitzsees in ihrem Facettenreichtum und in ihrer Nutzungsoffenheit. Eine große Qualität im Bestand und ein noch größeres Potential für die Potsdamer Stadtgesellschaft der Zukunft. Er beschreibt das Wechselspiel der Weite des Horizonts über dem See und der Dichte des Grüns und Baumbestands an seinem Ufer, nahezu nahtlos anknüpfend an den Park Babelsberg. Die neuen Stege, Stufen und Zugänge zum See, die präzise und behutsam aus dem Bestand entwickelten Situationen und Ausblicke am Ufer werden zu einer Sequenz atmosphärischer und erzählerischer Orte verknüpft. Die neuere Geschichte ist Teil der vielschichtigen Erzählung wie auch die ökologische Aufwertung der Uferlinie. Die Freiräume sind für Alle - für den gemeinschaftlichen Alltag der Bürgerinnen und Bürger, für die Besucherinnen und Besucher auf den Spuren der Berliner Mauer, für Fisch- und Vogelfreundinnen und Vogelfreunde.

Wir treffen uns am Fenster zum See…

Downloads