Engere Wahl | A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin (Arbeit Nr. 1076)

Engere Wahl Perspektive Wettbewerbsergebnis Griebnitzsee
© A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin

    Verfasser: Jan Grimmek, Steffan Robel
    Mitarbeitende: Xinyi Wang, Xuan Yi
    Visualisierung: A.Calitz Visual, Adrian Calitz

    Erläuterungstext

    Ein Uferweg mit vielschichtigen Facetten

    Das mit vielen historischen Schichten überlagerte Südufer des Griebnitzsees erfordert einen sensiblen Umgang mit seiner wechselvollen Geschichte, den Interessen der Grundstückseigentümer und den vielfältigen Nutzeransprüchen an einen attraktiven öffentlichen Uferweg in bester Wasserlage.

    Ziel ist die Schaffung eines durchgehenden Uferwegs aus verschiedenen Segmenten mit unterschiedlicher Intensität – öffentliche Uferzugänge wechseln sich ab mit ruhigen Wegeabschnitten entlang von Privatgrundstücken, gebaute Uferkanten und Steganlagen mit wertvollen Biotopen. Hierfür sollen auch die Eigentümer der Privatgrundstücke eingebunden werden, so dass aus der derzeit stark zerstückelten Wegeführung ein durchgehender Uferweg entsteht, der seiner vernetzenden Funktion gerecht wird und ein durchgehendes Besuchererlebnis ermöglicht. Insbesondere die Wasserlage aber auch die Nähe zum Schlosspark Babelsberg bieten ein hohes touristisches Potenzial, dass möglichst breiten Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht werden soll. Hierfür sind öffentliche Knotenpunkte als Schwerpunkt für die Uferzugänge geplant, die entsprechend ausgebaut und gestärkt werden. In die privaten Wassergrundstücke soll so sensibel wie möglich eingegriffen werden. Die oftmals vorhandenen Höhenversprünge unterstützen Maßnahmen um den zukünftig durchgehenden Uferweg zurückhaltend einbinden zu können.

    Die markante Topografie mit dem landschaftlichen Erscheinungsbild prägt den gesamten Wegeverlauf - waldartiger Baumbestand wechselt sich mit charaktervollen, weitläufigen Villengärten ab. Die Villenkolonie Neubabelsberg aus dem späten 19. Jahrhundert prägt mit ihren repräsentativen Villen in Wassernähe bis heute das Ortsbild, viele Grundstücke befinden sich unter Denkmalschutz. Der nordwestliche Übergangsbereich zum Schlosspark Babelsberg liegt sogar in der Pufferzone der UNESCO Welterbestätte Potsdamer Kulturlandschaft. Teile des ehemaligen Postenwegs sind heute noch erhalten und erinnern an die Zeit als der Weg noch zur Sicherung des DDR-Staatsgebiets diente. Die groben Plattenwege verhindern jedoch eine komfortable Nutzbarkeit im Sinne eines inklusiven Freizeitwegs. Historische Relikte der Grenzinfrastruktur, wie Mauerreste oder Fundamente von Wachtürmen, stellen nur einen Aspekt neben vielen anderen wie Vernetzungsfunktion, Wassersportangebote, Naturerfahrung und Biotopstrukturen dar, die mit dem vorliegenden Entwurfskonzept gestärkt werden sollen. Die neue Uferpromenade – die Postenwegpromenade - auf dem ehemaligen Postenweg ist das Herzstück des durchgehenden Ufergrünzugs am Südufer des Griebnitzsees.

    Postenwegpromenade mit multifunktionalem Leitband

    Ein multifunktionales Leitband aus Beton begleitet die neu geschaffene Postenwegpromenade entlang des Griebnitzseeufers und stärkt die gestalterische Kontinuität in einem durchaus heterogenen Umfeld.
    Die fragmentierte Bestandssituation mit Resten des ehemaligen Postenwegs aus groben Betonplatten wird zugunsten einer gut nutzbaren Oberfläche aus feinkörnigem Asphalt geändert. Die homogene Materialität aus hellem Asphalt mit mineralischer Abstreu sorgt für ein einheitliches Erscheinungsbild, auch wenn die Wegeabschnitte sehr heterogen ausgebildet sind. Der Weg wird auf eine durchgehende Breite von 3,00 m erweitert. Eine barrierearme Zugänglichkeit ist nach wie vor nur von außen über die Wegeenden möglich, ansonsten sorgen Treppenzugänge für eine direkte Verknüpfung von Seeufer und Straßenebene.  
    Ein 50 cm breites Band aus länglichen Betonplatten begleitet den Wegeverlauf und definiert die wasserseitige Wegeeinfassung. Hierdurch wird die Uferseite betont und der Blick automatisch in Richtung See und weg von den Privatgrundstücken gelenkt. Das multifunktionale Leitband erfüllt verschiedene Aufgaben - es integriert sowohl funktionale Elemente wie Fahrradbügel, Abfallbehälter und Leuchten als auch Sitzelemente zum Aufenthalt mit Blick auf das Wasser. Gleichzeitig integriert es das Leitsystem mit Infotafeln und weiteren Objekten zur Geschichte und Natur des Ortes. Punktuell weitet sich das Band zu kleinen Spielstationen oder Aussichtsplattformen.

    Das Leitsystem grenzt sich in seinem Erscheinungsbild vom Berliner Mauerweg ab und schafft ein eigenständiges gestalterisches Motiv für den Bereich des ehemaligen Postenwegs am Südufer des Griebnitzsees. Die Informationstafeln aus weißlackiertem Stahl verbinden sich mit dem hellen Beton zu einer gestalterischen Einheit, die sich deutlich vor dem Grün des Waldes und dem Blau des Sees abhebt. Die Farbgebung variiert deutlich von den Stelen des Berliner Mauerwegs und schafft ein eigenständiges Thema mit hoher Wiedererkennbarkeit. Bereits oben auf der Straßenebene sorgt das Leitsystem für eine deutliche Markierung der Uferzugänge mit hohem Wiedererkennungswert. Breite, bodengleiche Schwellen aus Beton greifen die Thematik des Plattenbandes auf, seitlich platzierte Infostelen schaffen eine torartige Situation und halten allgemeine sowie ortsspezifische Informationen bereit. Somit werden auch immer wieder die wichtigen Querverbindungen gestärkt, die für die öffentliche Vernetzung mit dem S-Bahnhof oder auch den Bushaltestellen so wichtig sind.

    Uferzugänge mit ganz unterschiedlichen Qualitäten

    Im Rahmen des Wettbewerbs werden exemplarisch drei Uferabschnitte betrachtet, die auch heute schon öffentlich zugänglich sind und wichtige Knotenpunkte im Gesamtsystem darstellen. Diese sollen als erste Maßnahmen umgesetzt werden. Trotzdem die Abschnitte in Funktion und Charakter stark variieren, werden wiederkehrende Elemente und Materialien entwickelt, die für eine gestalterische Kontinuität sorgen. Während die Uferpromenade mit dem wegebegleitenden Funktionsband dafür die gestalterische Klammer bildet, definieren die großformatigen Holzdecks und Stege wichtige Ankerpunkte und stärken den Wasserbezug. Gleichzeitig schaffen die Stege sie ein System aus kleinen Anlegestellen für den Wassersport.
    Der nordwestliche Zugang in unmittelbarer Nähe zum Schlosspark Babelsberg stärkt den Naturbezug. Mit möglichst geringen Eingriffen in das Uferwäldchen wird eine platzartige Situation sensibel eingebunden. Der kleine Uferplatz aus wassergebundener Wegedecke öffnet sich zum See. Eine pavillonartige Überdachung mit einfacher Holzkonstruktion und extensivem Gründach sorgt für einen witterungsgeschützten Ort. Ein naturnaher Spielplatz und Picknickbänke erweitern das Angebot an Freizeitaktivitäten insbesondere für Familien und schaffen einen attraktiven Treffpunkt in unmittelbarer Wassernähe. Über eine breite Sitzstufe bindet eine Steganlage aus Holz an den Uferplatz an. Hier bietet sich auch ein idealer Einstiegspunkt für Kajakfahrer. Die Steganlage führt über einen kurzen Abschnitt entlang des Seeufers und bildet eine geschützte Uferzone mit stimmungsvollen Uferstauden und Schwimmblattpflanzen. Die mehrfach gefaltete Wegeführung lenkt die Blicke auf immer wieder neue Aspekte des Seepanoramas. Ein Sitzpodest aus Holz schafft einen ruhigen Ort zum Verweilen, zur Naturbeobachtung und zum Angeln. Perspektivisch kann die Wegeverbindung entlang des Ufers bis zum Schlosspark Babelsberg verlängert werden. 
    Der weiter südöstlich gelegene Stichweg zur Virchowstraße wird als eher introvertierter Wasserzugang zwischen den unmittelbar angrenzenden Privatgrundstücken herausgearbeitet. Der schmale Zugang wird bereits auf Höhe der Straßenebene durch das neu eingeführte Leitsystem gestalterisch hervorgehoben und ist somit zukünftig besser auffindbar. Der bestehende Treppenabgang bleibt baulich unverändert, hier werden lediglich die Oberflächenbeläge auf den Zwischenpodesten erneuert. Seitliche Hecken zu den angrenzenden Privatgrundstücken flankieren den Weg und schaffen so eine starke Fokussierung auf die Seeoberfläche. Der lange Stichweg mündet in einem neu hinzugefügten polygonal geformten Holzdeck in Ufernähe, welches einen attraktiven Fokuspunkt am Ende des Weges ausbildet. Die inselartige Lage eignet sich hervorragend als neuer Anlaufpunkt für den Wassersport, ohne den Schiffsverkehr zu beeinträchtigen. Sitzstufen bis ans Wasser dienen als Einstiegsstelle für Kajaks, Kanus und Paddle-Boards. 

    Der zentrale Zugang am S-Bahnhof Griebnitzsee wird entsprechend seiner Bedeutung als wichtiger Verknüpfungspunkt und Treffpunkt ausgebaut. Auf dem oberen Niveau an der Rudolf-Breitscheid-Straße wird ein platzartiger Auftakt mit einer grünen Intarsie geschaffen. Eine lange Sitzbank bildet den Abschluss der Platzkante und ermöglicht einen weiten Blick über das Seepanorama. Der historische Treppenzugang wird erhalten und um einen zweiten schmaleren Zugang ergänzt. Die seitlichen Treppenabgänge spannen die zentrale Rasenböschung ein und schaffen zusammen mit den angrenzenden Platzsituationen eine starke räumliche Klammer zwischen oben und unten. Hierdurch wird die sanft terrassierte Böschung mit den markanten Zierkirschen herausgearbeitet, ein informeller Aufenthaltsbereich im Grünen zum Lesen, Studieren und Träumen. Das untere Plätzchen unterbricht den an dieser Stelle leicht verschwenkenden Uferweg. Der Wegeverschwenk wird genutzt, um eine klar gefasste Platzsituation auszubilden. Hierfür wird die vorhandene Natursteinmauer in ihrer Lage und Geometrie leicht verändert und ergänzt. Zusätzliche Sitzauflagen aus Holz, teilweise auch mit Rückenlehne, sorgen für mehr Nutzerkomfort, ohne das historische Ensemble mit der Treppenanlage zu stören. Zusammen mit den Zierkirschen entsteht ein stimmungsvoller Ort zum Verweilen. Entsprechend seiner Bedeutung als städtisch geprägtes Ufer mit Schiffsanleger wird der baulich gefassten Uferkante eine breite Freitreppe vorgelagert. Die Stufen mit Holzauflage führen bis hinunter an die Wasseroberfläche und schaffen eine großzügige Seeterrasse. In direkter Nähe zum Schiffsanleger der Stern- und Kreisschifffahrt entsteht somit ein attraktiver Ort zum Verweilen, auch für größere Gruppen. Die markante Intervention mit der Freitreppe hat das Potenzial insbesondere auch für junge Erwachsene und Jugendliche einen attraktiven Treffpunkt zu schaffen.

    Beurteilungstext

    Ein Entwurf mit vielschichtigen Facetten, er verfolgt eine starke Leitidee: eine durchgehende Uferpromenade auf dem ehemaligen Postenweg, begleitet von einem durchgehenden Leitband. Mit markierten Eingangsbereichen knüpft er an die Villensiedlung an und betont die unterschiedlichen, bestehenden Wegebeziehungen. Darüber hinaus entwickelt der Entwurf eine Programmatik für Zugangs-, Informations- und Nutzungsbereiche, die allerdings recht grobkörnig bleibt. Interessant ist der Ansatz, die drei Realisierungsbereiche über Kanuanlegestellen zu einem Wasserwanderweg zu verknüpfen.

    Durch neue Wegeverbindungen und die Steganlage im Realisierungsbereich A werden neue Nutzungsmöglichkeiten mit Spielräumen geschaffen. Allerdings führt die große Steganlage und der geplante Neubau der Promenade auf den ehemaligen Postenweg zu erheblichen Eingriffen. Diese werden naturschutz- und denkmalrechtlich bedenklich eingeschätzt.

    Insbesondere die Überformung des ehemaligen Postenwegs wird kritisch bewertet. Obwohl die Geschichte des Ortes durch Informationselemente vermittelt werden soll, geht durch die starke gestalterische Überformung ein Teil der ortsprägenden Identität verloren.

    Gelungen ist im Bereich C im südlichen Bereich die Barrierefreiheit einer oberen Aussichts-Terrasse und die Einbindung eines Picknickhangs. Insgesamt werden die zahlreichen Nutzungsmöglichkeiten mit einer guten Erschließung gewährleistet. Das Leitband unterstützt die Orientierung und trägt zur Barrierefreiheit bei.

    Im Ideenteil wird die Gestaltung des Uferwegs auf den Privatgrundstücken kritisch gesehen, da sie keine überzeugende Lösung erkennen lässt. Gleichwohl überzeugt die Leitidee einer durchgängigen Uferpromenade.

    Die Realisierungskosten liegen deutlich über dem vorgegebenen Kostenrahmen. Positiv bewertet werden hingegen die zu erwartenden Folgekosten, da der Entwurf die Belange von Betrieb und Unterhaltung nachvollziehbar berücksichtigt.