Landschaft und Architektur sind die zentralen Themen im Werk Emma Stibbons. Charakteristisch erscheint ihr Verzicht auf Farbe. Die klassischen Medien Tinte, Kreide auf Papier und der Holzschnitt geben ihren realistischen Arbeiten eine traditionelle Anmutung, erreichen dabei in ihrem Ausdruck eine Tragkraft, die weit mehr transportiert als das reine Abbild eines augenfälligen Motivs. Geschichtsschreibung in Architektur und Landschaft schwingen in den Werken mit, Werden und Vergehen, Machterlangung und -verfall. Ausdrücklich interessiert die Künstlerin die Frage, wie sich Zeitläufte in urbaner und landschaftlicher Gestaltung Form geben.
1979 gewann Berlin ihr Interesse, Jahre später Potsdam. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung zeigt jüngste Arbeiten, die von Potsdamer Plätzen und Bauten inspiriert sind. Ihre besondere Qualität führte zu einer Zusammenarbeit des Kunstvereins und der Emma Stibbon in Deutschland vertretenden Galerie upstairs berlin mit dem Potsdam Museum - Forum für Kunst und Geschichte.
Emma Stibbon wurde 1962 in Münster geboren. Sie ist eine britische Künstlerin, lebt und arbeitet in Bristol. Sie erhielt ihre Ausbildung ab 1980 am Portsmouth College of Art, Goldsmiths College of Art, Camberwell College of Art und erreichte den Abschluss MA Research Fine Art 2005 an der University of the West of England. Emma Stibbon stellt international aus, sie erhielt zahlreiche Preise, ihre Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter das Victoria und Albert Museum London, das Ashmolean Museum, Oxford, das Bristol City Museum and Art Gallery und im Stadtmuseum Berlin.
Die Kooperationsausstellung des Kunstvereins KunstHaus Potsdam und des Potsdam Museums - Forum für Kunst und Geschichte ist im KunstHaus Potsdam, Ulanenweg 9, 14469 Potsdam, bis zum 14. Oktober zu sehen. Die Begleitpublikation zur Ausstellung ist auch im Museumsshop des Potsdam Museums erhältlich.
Ausführungen zur Ausstellung von Dr. Jutta Götzmann, Direktorin Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Potsdams historische Mitte befindet sich im Wandel. Der Alte Markt erlebt eine Renaissance seiner friderizianischen Platzanlage. In enger Anlehnung an die architektonische Formensprache des Stadtschlosses entsteht der Brandenburgische Landtag, die Sanierung des Alten Rathauses zum neuen Standort des Potsdam Museums ist abgeschlossen und auch die weitere rekonstruierende Bebauung der Havelseite ist auf Grundlage eines Leitbautenkonzepts entschieden. Erweitert wird die aktuelle Diskussion um zentrale Bauten der Moderne: das Regattahaus von Reinhold Mohr ist am Luftschiffhafen soeben grundgesichert worden, um den Erhalt des Musikpavillons als architektonisches Kleinod der Moderne wird derzeit gerungen. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam hat den Fokus auf die DDR-Architektur und die Brüche im Stadtbild gerichtet. Das Mercure-Hotel ist als ehemaliges Interhotel derzeit im Visier der Öffentlichkeit.
Potsdam zählt also ebenso wie seine benachbarte Metropole Berlin zu den »changing cities«. Beide Städte sind durch die Architektur der Hohenzollern geprägt, kontrastierend hierzu haben die Diktaturen des 20. Jahrhunderts ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Radikalstes Zeichen ist die ab 1961 erfolgte Teilung Berlins, die Potsdam als benachbarte Stadt in eine unerreichbare Ferne rückte. Die Glienicker Brücke hat sich unwiderruflich als Bindeglied zwischen Potsdam und Berlin, als Ort der Grenzziehung und Stätte des Agentenaustausches zwischen Ost und West im öffentlichen Gedächtnis verankert.
In dieser vielfachen Bedeutung steht die Glienicker Brücke als zentrales Motiv für die Kooperationsausstellung des KunstHauses Potsdam und des Potsdam Museums. Die Zusammenarbeit gründet sich auf das zentrale Thema der Ausstellung, das den Stadtraum und das Stadtbild künstlerisch ins Visier nimmt. Die Brüche im Stadtbild, die Entwicklungen und Veränderungen der Urbanität, die immer auch mit städtischer Identität verbunden sind, bieten die Basis für eine künstlerische Auseinandersetzung.
Wie wertvoll ein Blick von außen, jenseits nationaler Grenzen sein kann, zeigt die eigens für die Ausstellung entstandene Werkserie der britischen Künstlerin Emma Stibbon (geboren 1962).
Emma Stibbon besuchte Berlin erstmals 1979, entdeckte ihre Faszination für die zerrissene und widersprüchliche Stadt, mit der sie sich ab 2003 in Arbeitsaufenthalten vor Ort intensiv auseinandersetzte. Diese Beschäftigung mündete 2009 in der Ausstellung »StadtLandschaften« der Berliner Stiftung Stadtmuseum. Ein Interesse für Potsdam entwickelte Emma Stibbon bereits damals. 2011 begannen ihre ersten Studienaufenthalte in Potsdam, die sie für die aktuelle Werkserie 2012 fortsetzte. Die wesentlichen Antriebsmotive für das auf die Stadt bezogene Werk Stibbons sind die Geschichtsbrüche, die sich in Berlin und Potsdam manifestieren und gleichermaßen einen steten Wandel initiieren. Die Künstlerin strebt keineswegs eine Dokumentation der städtischen Topografie an, die Realität dient ihr vielmehr als Ausgangpunkt für die künstlerische Wiedergabe.
Durch die Konzentration auf die künstlerischen Techniken Kreide- und Kohlezeichnung sowie Holzschnitt und Mischtechnik erzeugt Emma Stibbon Werke größter Intensität. Mit den begrenzten Farbwerten greift Stibbon auf die Wirkung der klassischen Schwarz-Weiß-Fotografie zurück und distanziert sich zugleich von ihr: Trotz der motivischen Wiedererkennbarkeit sind ihre Arbeiten nie abbildhaft. Die aktuelle Serie zu Potsdam ist durch starke Gegensätze geprägt.
Stibbons lavierte Tuschezeichnungen zu den Statuen im Park von Sanssouci und dem Teehaus-Pavillon sind durch eine besondere Lichtregie, durch Spiegelungen und ungewöhnliche Perspektiven stimmungsvoll auf geladen. Als Sehnsuchtsorte kontrastieren sie zu den nüchternen, bedrohlich anmutenden Zeichnungen der Leistowkowstraße, der Glienicker Brücke oder des Cecilienhofes. Gefragt nach der inneren Motivation für ihre künstlerische Arbeit antwortet sie: »I draw to understand how something has arrived, how the topography of a city comes to be now.«
Die künstlerische Auseinandersetzung als Verarbeitungsprozess! Gerade ihre Zeichnung zur Leistikowstraße legt davon Zeugnis ab. Aber auch ihre Arbeiten zum Abriss des Palastes der Republik von 2009, zum Plattenbau von 2012 und ihre Zeichnung zum Potsdamer Mercure Hotel von 2012 belegen ihre Triebkraft. Das besondere Interesse der britischen Künstlerin gilt den unterschiedlichen zeitlichen Ebenen Stadt, die sie versucht zu erfassen, bevor sie unwiderruflich verschwunden sind.