Am 18. Juni 1604 wurde in Dillenburg bei Siegen ein Mann geboren, der die Entwicklung Potsdams in so großem Maße beeinflusst hat, dass die Auswirkungen noch heute zu spüren sind. Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604 bis 1679) steht am Anfang einer ganzen Reihe von bedeutenden Gartenbaumeistern, die der Stadt ihr heutiges Gesicht gaben. Er ist, wenn man so will, der Vater des heutigen Weltkulturerbes.
Graf Johann Moritz erhielt zunächst eine standesgemäße und humanistische Ausbildung an den Universitäten Basel und Genf und am Hofe des Landgrafen in Kassel. 1621 trat er in die Dienste der Republik der Vereinigten Niederlande. Erst 33-jährig, wurde er 1636 durch die Westindische Compagnie zum Generalgouverneur und militärischen Oberbefehlshaber der niederländischen Besitzung „Nieuw-Holland“ im Nordosten Brasiliens. Seine Aufgabe war es, die Kolonie zu festigen, zu verteidigen und den Handel zu fördern. Noch heute genießt Johann Moritz in Brasilien hohes Ansehen. Seiner Regentschaft wird eine besondere Rücksichtnahme und Toleranz und der Versuch zugeschrieben, das Projekt einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft zu verwirklichen. Seine umfangreiche, in Brasilien zusammengetragene naturhistorische und ethnographische Sammlung hatte durch ihre Verbreitung an den europäischen Fürstenhöfen bedeutenden Einfluss auf das Bild der Neuen Welt.
1644 kehrte Johann Moritz in den militärischen Dienst der Niederlande zurück und stieg dort bis zum 1. Feldmarschall auf. Er blieb auch dann weiter in niederländischen Diensten, als er 1647 vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten, zu dessen Statthalter der westdeutschen brandenburgischen Gebiete (Kleve, Minden) ernannt. In diesen beiden Eigenschaften und aufgrund seiner Erfahrungen und diplomatischen Fähigkeiten wurde er zum Garanten der Stabilität der westlichen Territorien. Gemeinsam mit Luise Henriette von Oranien, der ersten Frau des Kurfürsten, wurde er zum Vermittler niederländischer Kultur und niederländischen Expertentums für Brandenburg. 1652 wurde Johann Moritz zum Reichsfürsten erhoben, im gleichen Jahr wurde er Herrenmeister des Johanniterordens für die Ballei (1) Brandenburg. Er entwickelte das durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstete Ordensgebiet sowohl wirtschaftlich als auch kulturell mit großem Erfolg.
Von Beginn seiner Regentschaft in West-Brandenburg an widmete er sich der Modernisierung und Erweiterung der statthalterlichen Residenz Kleve. Es wird davon ausgegangen, dass die Klever Anlagen – Alleen, Kanäle, Sichtachsen, blühende Gärten und kleine Schlösser – Vorbild für die vom Großen Kurfürsten geplante Verschönerung der Insel Potsdam waren. 1664 schrieb Fürst Moritz von Nassau an Friedrich Wilhelm den berühmt gewordenen Satz: „Es were schadte, daß EctDt angeorderde plantage, sollen verabseumt vndt unvollenzogen bleiben, daß gantze Eylandt mus ein paradis werden, weihl die Edelleutt wie Vornehm, daraus seint.“ Bezüglich Potsdams“, so heißt es in einer Schrift aus dem 19. Jahrhundert, „besitzen wir den Brief eines sehr glaubwürdigen Zeitgenossen, des Herrn von Jena, der unterm 15. November 1661 schreibt: ’Fürst Moritz ist schon acht Tage zu Potsdam, einen Entwurf zu machen, wie sie vermeinen, dass es recht zu bauen und anzulegen ist.’ Muthmaasslich begann sein Interesse für den Havelort schon früher, denn wir finden ihn auch in den fünfziger Jahren nicht weniger als vier Mal in der Mark.“ (2)
Andere Quellen gehen davon aus, dass sich Fürst Johann Moritz in den Jahren 1652, 1653, 1654, 1658 und 1661 in Potsdam aufhielt. Er beriet den großen Kurfürsten in allen Fragen der Architektur- und Gartengestaltung, vermittelte Baumeister, Festungsbauer, Künstler und Handwerker an den brandenburgischen Hof. 1664 begann in Potsdam der Bau eines Schlosses nach niederländischem Vorbild. In den folgenden Jahren entstanden Lustschlösser in Bornim, Caputh und Glienicke, ebenso – wie in Kleve – ein großer und ein kleiner Tiergarten. Nach 1668 wurden die einzelnen Anlagen durch Alleen verbunden.
„Bauen, graben, pflantzen“, das sei sein hauptsächliches Interesse. So erwähnte es Johann Moritz öfter in seinen Briefen. Dank seiner Freundschaft mit dem Großen Kurfürsten konnte er in Potsdam diesen Interessen nachgehen und hier die Grundlagen für unsere heutige Kulturlandschaft schaffen.
(1) Ballei: (dt. balîe, balye; franz. baillie)
Bezeichnung für eine Provinz eines Ritterordens. Dieser Begriff wird seit dem 13. Jahrhundert gelegentlich und seit dem 14. Jahrhundert regelmäßig verwendet. Er ist wahrscheinlich romanischen Vorbildern, insbesonders der Verwaltungsorganisation Siziliens, nachgebildet.
(2) „Der Grosse Kurfürst und Moritz von Nassau der Brasilianer“, Studien zur Brandenburgischen und holländischen Kunstgeschichte von Dr. Georg Galland, Privatdocent a. d. Kgl. Technischen Hochschule zu Berlin, Frankfurt am Main, Verlag von Heinrich Keller, 1893
'daß gantze Eylandt mus ein paradis werden'
Johann Moritz von Nassau-Siegen