Anerkennung | POLA Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin (Arbeit Nr. 1071)

Anerkennung im Wettbewerb Griebnitzsee der POLA Landschaftsarchitekten GmbH
© POLA Landschaftsarchitekten GmbH

    Verfasser: Jörg Michel
    Mitarbeitende: Théo Pietronave, Stefan Weber, Frauke Janetzko, Anton Skoruppa, Fabiha Fairooz, Karen Brix

    Erläuterungstext

    Präambel

    Wenn die Natur zum Protagonisten wird, entsteht wie selbstverständlich eine Atmosphäre der Ruhe und Kontemplation. Der Fokus richtet sich auf den Wasserspiegel des Griebnitzsees, die Paddler:innen und Freizeitkapitän:innen auf dem Wasser – man winkt sich zu, legt an einem der Stege an oder springt in den See und erlebt das Ufer von „der anderen Seite“. Und wenn man im April oder Mai auf das Ufer blickt, fallen plötzlich die Vogelkirschen in voller Blüte auf, die den Griebnitzsee säumen – und man fragt sich, was es damit wohl auf sich hat?

    Freiraum erzählt Geschichte

    Die Berliner Mauer machte den Griebnitzsee zur unüberwindbaren blauen Grenze und entzog ihn einem großen Teil der Öffentlichkeit. Auch heute ist ein großer Teil des Ufers nur vom Wasser aus erlebbar – und damit ein Teil der deutschen Geschichte nicht unmittelbar zugänglich.
    Wir nutzen die Symbolik, Fernwirkung und Subtilität entlang des Ufers gepflanzter Vogelkirschen, um einmal im Jahr die alte Grenze weiß aufleuchten zu lassen und bereits vor Eröffnung des durchgängigen Uferwegs die historische Bedeutung dieses Ufers zu unterstreichen. Ein Beitrag, von dem wir hoffen, dass sich auch möglichst viele private Eigentümer:innen daran beteiligen werden.

    Konzept des Wettbewerbs zur Gestaltung Griebnitzsee
    © POLA Landschaftsarchitekten GmbH

    Die Kirschen beziehen sich dabei auch auf die Sakura-Kampagne eines japanischen Fernsehsenders, der Berlin und Brandenburg zur Wiedervereinigung 10.000 Kirschbäume schenkte, die symbolisch für den Neuanfang stehen. Mit der heimischen Vogelkirsche knüpfen wir daran an und setzen uns gleichzeitig farblich bewusst davon ab.
    Neben der subtilen und nur einmal jährlich sichtbaren Symbolik der Kirschen setzen wir zur weiteren Mauer-Erzählung auf bekannte Gestaltungselemente wie den doppelten Pflasterstreifen entlang des exakten Grenzverlaufs sowie die (leicht adaptierten) Stelen des Mauerwegs.

    Raumabfolge

    Zentrale Entwurfsidee ist die Arbeit mit dem Bestand: der Vegetation, den vorhandenen Lichtungen und den Blickbezügen auf den See und entlang des Ufers. Der Uferweg bewegt sich durch diese vielfältige Raumabfolge, die durch kleine Eingriffe verstärkt und szenografisch inszeniert wird.
    Wir arbeiten dabei vor allem mit gärtnerischen Mitteln wie der Aufastung von Bäumen, der Verdichtung von Strauchschichten, der Ansaat von Schattenwiesen unter Baumhainen oder der Entnahme geschwächter Bäume zur Schaffung kleiner Lichtungen.
    Der Griebnitzsee als großer, weiter Raum und Sehnsuchtsort kann punktuell über präzise verortete Stege erlebt werden. Hier tritt man aus dem Baumbestand hinaus auf die weite Wasserlandschaft, blickt hinüber auf das andere Ufer oder entdeckt die Kirschen hinter sich.

    Nutzungsangebote

    In Teil A bietet eine große Wiese vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Im leicht geneigten Bereich legt man sich in die Sonne, Kinder spielen im flacheren Teil Ball und springen ins Wasser. Der Steg ist als Schwimmsteg konzipiert, bietet aber ebenso die Möglichkeit, mit Kanus anzulanden oder von den Sitzkanten aus den Sonnenaufgang zu betrachten.
    Neben der großen Wiese bieten kleinere Uferlichtungen Rückzugsmöglichkeiten am Wasser. Hier schaffen in Gruppen gesetzte Pfähle punktuell weitere Anlegestellen für Wasserwandernde.
    Richtung Babelsberg weitet sich der Uferweg zu einem kleinen Platz, von dem aus eine Wegeverlängerung problemlos möglich ist. Am östlichen Ende bildet eine Lichtung mit scheinbar zufällig hinterlassenen Sitzsteinen den vorläufigen Abschluss des Uferwegs.

    In Teil B konzentrieren sich die Eingriffe auf zwei Elemente: Die exponierte Lage an einer Uferausbuchtung bietet sich für einen kurzen Steg mit umso weiterreichendem Ausblick an. Er soll insbesondere als Kanu-Anlegestelle dienen und bietet über seine Höhenstaffelung vielfältige Sitzgelegenheiten für kleinere Gruppen.
    Zweitens, wird das Gehwegpflaster entlang der Virchowstraße in den Zugangsweg hinein verlängert. Durch die Fortführung des Materials wird der öffentliche Charakter des Seezugangs deutlich, ohne die dem Wohnviertel angemessene ruhige Gestaltsprache aufzugeben. Eine Infostele am Zugangspunkt informiert über die historische Bedeutung des Ufers während der deutschen Teilung.

    In Teil C wird der bestehende Steg analog zu den anderen Stegen in seiner Geometrie vereinfacht und durch eine leichte Verbreiterung sowie verschiedene Auf- und Abkantungen für vielfältigere Nutzungen optimiert. Die zentrale Funktion bleibt jedoch die Nutzung als Anleger für die Linienschifffahrt.

    Entwürfe zum Wettbewerb Griebnitzsee der POLA Landschaftsarchitekten GmbH
    © POLA Landschaftsarchitekten GmbH

    Die Ufergestaltung folgt der vegetativen Prägung des Gesamtkonzepts und schlägt, wo möglich, eine Reduktion der mit Mauern befestigten Uferabschnitte vor. An der Rudolf-Breitscheid-Straße, am Kopf der Uferböschung, reagiert eine Terrassierung auf den durch den gegenüberliegenden Bahnhof geprägten urbaneren Charakter des Ortes und ermöglicht erste Ausblicke auf den See.
    Die Stege bilden, etwas abgerückt vom Ufer, den Kern der Nutzungs- und Aufenthaltsangebote. Sie werden als gebaute Intervention und Wiedererkennungsmerkmal, als Freiraummöbel und fast einzige Ausstattungselemente im ansonsten radikal einfach und natürlich belassenen Uferpark verstanden und können zukünftig an weiteren Seezugängen ergänzend verortet werden.
    Jeder Steg erhält dabei eine ortsspezifische Ausprägung und ist mal auf das Schwimmen, mal auf Sportboote und mal auf das Betrachten der Sonnenuntergänge ausgerichtet. Die einfache Grundgeometrie, holzbelegte Oberflächen und Höhenabstufungen zeichnen sie gemeinsam aus. Punktuell sind Erweiterungen mit Schattendächern denkbar.

    Materialkonzept

    Neben den Holzstegen aus unbehandelter, sägerauen Eiche ergänzen wenige weitere Materialien nach dem Prinzip der Suffizienz die Gestaltung: Ein durch beige mineralische Zuschlagstoffe hell erscheinender, geschliffener Asphalt (ca. 80 % rezyklierter Anteile, lokal beschaffbar) für den Uferweg ist rollstuhl-, rollator- und fahrradtauglich. Auf die sonst gängige Abstreuung wird im Sinne der Kreislauffähigkeit bewusst verzichtet, da eine spätere sortenreine Trennung und Wiederverwertung des Asphalts so gewährleistet bleibt. Nebenwege werden als Fortführung der angrenzenden Gehwege ausgebildet; das vorhandene Kleinstein- oder Mosaikpflaster aus Naturstein wird in ungebundener Bauweise übernommen (Sekundärmaterial, ggf. aus dem Bauhof). Die Berliner Mauerspur ist traditionell als doppelreihiger Großsteinläufer ausgebildet und wird entsprechend beibehalten. Für die Sitzsteine ist vor Ort gegossener RC-Beton mit geschliffener Oberfläche vorgesehen.

    Vegetationskonzept

    Mithilfe vielfältiger, vornehmlich heimischer Arten aller Pflanzenkategorien schaffen wir sechs Bepflanzungs-typologien, die unterschiedlich kombiniert werden können, um die gewünschte räumlichen Abfolgen und die Sichtbezüge zu erzielen:

    • Transparente Haine: Aufgeastete Bestandsbäume lassen Blickbezüge zum See zu.
    • Dichte Haine: Tiefastig belassene Bestandsbäume bilden klare Raumkanten.
    • Strauchpflanzungen: Vor Baumhainen gepflanzt, verstärken sie den Blickschutz zu Nachbargrundstücken und lenken die Blickrichtung (Heckenkirsche, Schneeball, Schlehe kombiniert mit Waldstauden).
    • Waldwiesen mit Frühlingsgeophyten: Wiesenansaaten unter transparenten Hainen oder zur Differenzierung der Lichtungen;
    • eingestreute Frühlingsgeophyten wie Buschwindröschen, Hasenglöckchen oder Märzenbecher.
    • Spiel- und Liegerasen: Kurz gehaltener Rasen schafft Zugänglichkeit zum Seeufer und vielfältige Nutzungsangebote.
    • Vogelkirschen: Als Solitäre oder kleine Gruppen an sonnigen Lagen entlang des Ufers.
    Typologie des Wettbewerbs Griebnitzsee der POLA Landschaftsarchitekten GmbH
    © POLA Landschaftsarchitekten GmbH

    Leitsystem

    Die Zugänge zum Seeufer werden durch zwei Gestaltungselemente gekennzeichnet: die Weiterführung des Gehwegpflasters auf die Uferparkwege sowie die Setzung der Informationsstelen zum Mauerweg.
    Das Informationssystem zum Mauerweg für Potsdam orientiert sich an der Geometrie und Formsprache der Berliner Signaletik, setzt diese jedoch in einer eigenen Materialisierung um: Stelen aus Edelstahl in Höhe der innerdeutschen Mauer mit dunkelblauem Informationsband auf Augenhöhe.
    Das Informationssystem macht damit den Zusammenhang der Mauer um Ostberlin deutlich und verweist gleichzeitig auf die eigenständige Potsdamer Mauergeschichte.

    Klimaanpassung

    Die niedrige Versiegelung der Parkanlage ermöglicht es, Regenwasser vollumfänglich der örtlichen Versickerung und Verdunstung zuzuführen – der natürliche Wasserhaushalt bleibt damit erhalten.
    Der hohe Verschattungsgrad durch großgewachsene Bestandsbäume macht den Uferpark zu einem natürlichen „Cooling Point“ ohne technische Infrastruktur.

    Ansicht Griebnitzsee der POLA Landschaftsarchitekten GmbH
    © POLA Landschaftsarchitekten GmbH

    Wirtschaftlichkeit

    Der Entwurf setzt für eine wirtschaftliche Umsetzung auf den fast vollumfänglichen Erhalt der bestehenden Vegetation und Topografie. Der starke Einsatz von Pflanzenmaterial als Gestaltungselement senkt die Investitionskosten weiter. Alle Pflanzenarten sind so ausgewählt, dass ihr natürlicher Habitus (Höhe, Breite, Wuchsform) dem Zielbild entspricht und kaum Pflegeschnitte erfordert. Wiesen- und Rasenflächen werden als pflegeleichte, nutzungsflexible Elemente eingesetzt. Robuste und langlebige Materialien reduzieren zudem den langfristigen Wartungsaufwand.

    Epilog

    Es wird Mai, und die Kirschblüten bilden einen langsam verwehenden Teppich auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Geschichte darf langsam wieder zurücktreten, und es bleiben der sanfte Wellenschlag des glitzernden Griebnitzsees und die Freude auf viele Sommerabende am Ufer – die Füße im Wasser baumelnd und Freunde um einen herum.

    Beurteilungstext

    Auf der Grundlage eines durchdachten Gesamtkonzeptes entwickeln die Verfasser einen sehr ausgewogenen Entwurf, der mit gut ausbalancierten Intensitäten die verschiedenen Orte ausformuliert. Die Wege sind sehr funktional geführt, der Postenweg erhält im Norden eine sinnvolle Ergänzung mit der Anbindung an den Park Babelsberg. Kritisch gesehen wird jedoch die komplette Überformung der bestehenden Wegeoberfläche, die Herstellung mit einem geschliffenen Asphalt erscheint unangemessen. Insgesamt wird jedoch die zurückhaltende, ruhige Inszenierung der historischen Relikte sehr positiv bewertet, auf diese Weise werden sie mit dem gebührenden Respekt integriert. Ein schönes Motiv ist die Neupflanzung der Vogelkirschen, die dem neuen Uferweg eine heitere Note verleihen.
    Die Eingriffe in den natürlichen Bestand sind in der Summe sparsam, nur sind vielleicht die zum Ufer geöffneten Sichtfenster etwas großzügig aufgeweitet. Positiv wird auch der geringe Versiegelungsgrad gesehen, insbesondere die Anlagen am Wasser beschränken sich auf schmale Stege. Sehr sinnvoll ist die Positionierung des Steges im Bereich A, der einerseits die natürliche Ufersituation der kleinen Bucht inszeniert, andererseits aber dennoch einen weiten Blick über den See ermöglicht.
    Die Uferanlagen im Bereich C sind dagegen zu sparsam ausformuliert. Der schon jetzt intensiv genutzte Ort wird kaum weiterentwickelt, die Lage am Wasser nicht ausgenutzt. Auch bietet der neu gebaute Steg keinen Zugewinn.

    Die für den Ideenteil dargestellten Ufertypologien sind wenig differenziert. Auch kann das Nebeneinander von privaten Gärten und Aufenthaltsflächen direkt am Wasser zu Nutzungskonflikten führen.

    Der Entwurf ist sowohl in der Herstellung als auch in der Unterhaltung sehr wirtschaftlich konzipiert. Er bietet wertvolle Ansätze in vielen Bereichen, ist jedoch an wichtigen Orten nicht pointiert genug.