Anerkennung | Arge JUCA x LAMA (Arbeit Nr. 1075)

Perspektive Wettbewerbsergebnis Griebnitzsee Arge JUCA x LAMA
© Arge JUCA x LAMA

    Verfasserinnen: Judith Brücker, Katja Erke
    Mitarbeitende: Carolin Fickinger, Laura Fuhrmann, Ewa Heider, Thomas Reimann, Milan von Moeller, Maira Kuper

    Erläuterungstext

    Leitbild Griebnitzsee

    Die Freiraumlandschaft Potsdams ist geprägt von weichen Uferbereichen, topografischen Übergängen, Waldstrukturen und der Gewässerlandschaft der Havel. Inmitten dieses landschaftlichen Gefüges liegt das Südufer des Griebnitzsees im Stadtteil Babelsberg – ein Ort, an dem landschaftliche Qualitäten, historische Brüche und Fragen öffentlicher Zugänglichkeit aufeinandertreffen. 
    Die Entwicklung des Südufers spiegelt die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts wider. Aus den privaten Gärten der Villenkolonie Neubabelsberg wurde während der Teilung Berlins ein unzugänglicher Grenzraum entlang der Berliner Mauer. Bis heute prägen diese historischen Schichten den Ort und bilden den Hintergrund der Diskussion um Öffentlichkeit, Privatheit und den Zugang zum Wasser.

    Landschaftlich eingebettet zwischen Park Babelsberg, dem Moritzberg im Düppeler Forst und dem Naturschutzgebiet Bäkewiese greift der Entwurf diese komplexe Ausgangslage auf. Das Südufer wird nicht als linearer Freiraum verstanden, sondern als vielschichtige Freiraumchoreografie zwischen Stadt, Wasser, Erinnerungskultur und privatem Wohnen. Das Ufer vermittelt innerhalb des Potsdamer Freiraumgefüges zwischen landschaftlicher Offenheit, ökologischer Sensibilität und den historisch gewachsenen Babelsberger Stadt- und Nutzungsstrukturen.

    Realisierungsteil: Die nutzungsintensiven Räume im Fokus

    Im Realisierungsteil steht die behutsame Erweiterung der Potsdamer Natur- und Erholungslandschaft im Vordergrund. Entlang des Südufers entstehen punktuell Aufenthaltsorte, die den Landschaftsraum aktivieren, ohne ihn zu überformen. Grundlage aller Eingriffe ist hierbei ein gemeinsames Gestaltprinzip: Bestehende Vegetationsstrukturen, topografische Übergänge und historische Spuren werden aufgenommen und mit wenigen, präzise gesetzten Elementen weiterentwickelt. Ein organisches Wegesystem, Holzstege, Lichtungen und schattige Plätze sowie attraktive Aufenthaltsorte fügen sich selbstverständlich in die Uferlandschaft ein und schaffen eine prägnante räumliche Sprache. Es entsteht eine abwechslungsreiche Folge unterschiedlicher Ufersituationen mit variierenden Nutzungsintensitäten – von ruhigen Naturbereichen bis hin zu lebendigen Orten am Wasser. Gleichzeitig bleibt die historische Bedeutung des ehemaligen Grenzraums über den Berliner Mauerweg durch gezielte räumliche Interventionen dauerhaft ablesbar.

    Konzept Wettbewerbsergebnis Griebnitzsee der Arge JUCA x LAMA
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    1. Uferhain: Der Uferhain entwickelt sich als naturnaher Landschaftsraum zwischen Mauerweg und Wasser. Der Postenweg wird als Relikt akzentuiert, während die übrigen Wege durch Lichtungen, Liegeinseln und ruhige Aufenthaltsorte hin zum Wasser führen. Der bestehende Vegetationsbestand wird standortgerecht ergänzt und das Ufer zu einem vielfältigen, naturnahen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität entwickelt. Einen räumlichen Höhepunkt bildet der runde Holzsteg, der einen direkten Bezug zum Wasser herstellt und dieses für zahlreiche Nutzungen öffnet. 
    2. Ufertreppe: Die urban geprägte Ufertreppe verbindet den auf Höhe der Virchowstraße liegenden Mauerweg mit dem Wasser und schafft einen direkten Zugang zum See. Informationspunkte und Bodenmarkierungen machen den historischen Standort des Grenzstreifens auf spielerische Art und Weise räumlich erfahrbar. Nach dem Abstieg entfaltet sich ein einladender Steg als Ort für Pause und Aufenthalt und bietet neue Blickbeziehungen über den Griebnitzsee.
    3. Seeterrasse: Die Seeterrasse bildet einen offenen Aufenthaltsort am Wasser und ergänzt das Freiraumsystem um einen urbanen, gemeinschaftlich nutzbaren Treffpunkt. Spielplätze und ein Holzsteg mit Sitz- und Wassersportmöglichkeiten und der direkte Bezug zum See schaffen einen vielseitig nutzbaren Ort für Aufenthalt, Spiel-, Sport- und Wassererlebnis. Die historischen Spuren zeichnen sich entsprechend des Leitsystems sowie auf kreative Art im thematisch passenden Kinderspiel ab.

    Ideenteil: Kollaborativer Transformationsprozess

    Entwürfe Wettbewerbsergebnis Griebnitzsee der Arge JUCA x LAMA
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    Die Freiraumchoreografie versteht das Südufer als Abfolge unterschiedlicher Atmosphären und Raumintensitäten. Zwischen offenen, gemeinschaftlich nutzbaren Bereichen und ruhigeren, landschaftlich geprägten und teils privaten Rückzugsorten entsteht ein Wechsel aus „lauten“ und „leisen“ Räumen, dessen konkrete Ausformung sich im weiteren Prozess entwickelt. Im Vordergrund steht ein langfristig zu entwickelndes Narrativ für das Südufer des Griebnitzsees.
    Vor dem Hintergrund der privaten Grundstücke werden im Ideenteil unterschiedliche Szenarien für den zukünftigen Umgang mit dem Ufer und dessen Erschließung untersucht. Im Fokus stehen die Beziehungen zwischen privaten Gartenräumen, gemeinschaftlich nutzbaren Übergangszonen und möglichen öffentlichen Wegeverbindungen. Ziel ist keine durchgängige Vereinheitlichung des Ufers, sondern eine differenzierte Freiraumstruktur, die unterschiedliche Grade von Öffentlichkeit, Zugänglichkeit und Rückzug räumlich vermittelt.

    Durch die bewusste Einbindung der Grundstückseigentümer:innen bleibt der Prozess offen für eine Entwicklung aus dem Ort selbst heraus. In einem kollaborativen Beteiligungsprozess diskutieren Anwohnende, Stadtverwaltung, Planende, Naturschutz und Initiativen gemeinsame Potenziale, Konflikte und Anforderungen. Die daraus entwickelte Toolbox formuliert flexible Maßnahmen, die je nach Ort und Situation unterschiedlich kombiniert werden können. Sie umfasst Elemente der Erschließung, Einfriedung, Vegetation und Identitätsbildung. So entsteht ein wandelbares Freiraumsystem, das schrittweise wachsen und sensibel auf die unterschiedlichen Bedingungen reagieren kann.

    Routen und Entdeckerpfade

    Anerkennung Ansicht Wettbewerbsergebnis Griebnitzsee Arge JUCA x LAMA
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    In diese Freiraumstruktur werden drei eigenständige Routen bzw. Pfade eingewebt, die unterschiedliche Ebenen des Ortes erfahrbar machen. Entscheidend ist dabei, dass das Südufer auch unabhängig von einem langfristig angestrebten durchgehenden Uferweg bereits heute aufgewertet und erlebbar gemacht wird. Der bestehende Mauerweg (Fuß- und Radweg) bleibt in seiner Lage erhalten und erschließt die historischen Spuren entlang des ehemaligen Grenzraums. Dieses Leitsystem wird durch Wegmarken ergänzt, die vom Radweg hinunter in die Realisierungsbereiche leiten und den Uferraum erschließen. Infostelen und Markierungen im Boden knüpfen an die Systematik des Berliner Mauerwegs an, erhalten aber eine für Potsdam charakteristische eigene Materialsprache. Diesem Konzept folgend führt perspektivisch der Uferweg Süd auch durch die Ideenteile und ermöglicht auf zurückhaltende Weise Einblicke in die Uferlandschaft sowie in die Struktur der heutigen privaten Gartenräume. Die Seeroute ergänzt das Wegenetz auf dem Wasser: Sie zeichnet den historischen Verlauf der Grenze nach und verbindet neue Anlegestellen miteinander, an denen wiederum Informationen zur deutschen Teilung, der Geschichte des Ortes und zur Entwicklung der Uferlandschaft vermittelt werden. Es entsteht ein vielschichtiges Freiraumsystem, das Landschaft, Erinnerungskultur, Bewegung und Erholung miteinander verknüpft und das Südufer des Griebnitzsees als besonderen Ort im Potsdamer Stadtraum hervorhebt.
    Ausstattung und Materialien

    Das Freiraumkonzept am Griebnitzsee entwickelt sich aus der besonderen Atmosphäre des Ortes – geprägt durch Wald, Wasser, Geschichte und dem ehemaligen Grenzraum. Die Materialwahl folgt dabei dem Ziel, den landschaftlichen Charakter des Ufers zu stärken und zugleich die historische Dimension des Ortes subtil sichtbar zu machen. Robuste, natürliche und zurückhaltende Materialien schaffen ein ruhiges Gesamtbild und fügen sich selbstverständlich in die vorhandene Topografie und Vegetation ein.
    Der Mauerweg wird als klar lesbare historische Spur ausgebildet. Wassergebundene Decken und helle Betonflächen bilden den zurückhaltenden Grundton des Wegenetzes. Akzentuierende Elemente aus rotbraunem Quarzporphyr und Ziegel greifen die Materialität historischer Wege- und Grenzstrukturen auf und verweisen auf die Geschichte des Ortes. Vertikale Elemente aus orange-kupferfarbenem Stahl markieren Informations- und Aufenthaltsorte entlang des Weges und setzen bewusst Landmarken im Landschaftsraum. Die Signaletik orientiert sich hierbei am Berliner Mauerweg und der Markenidentität Potsdams. 
    Die Uferbereiche orientieren sich stärker an der natürlichen Landschaft des Griebnitzsees. Holzdecks, Trittsteine und offene Vegetationsflächen schaffen weiche Übergänge zwischen Wasser und Land. Materialien wie Holz, Naturstein und wassergebundene Beläge greifen die Atmosphäre der Potsdamer Uferlandschaften auf und ermöglichen ein naturnahes Erleben des Sees. Die Farbigkeit bleibt dabei bewusst gedeckt: warme Beige- und Brauntöne treffen auf Grau-, Grün- und Blau-Nuancen der Vegetation und Wasserflächen.

    Typologie Wettbewerbsergebnis Griebnitzsee Arge JUCA x LAMA
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    Beurteilungstext

    Die dem Entwurf zugrundeliegende Freiraumchoreographie wird als schlüssiges Gesamtkonzept anerkannt. Der neu geplante Uferweg bleibt vor allem dem Fußverkehr vorbehalten. Auch der Uferbereich mit seinem stillen, mäandrierenden Wegesystem wirkt ruhig und zurückhaltend. Damit wird die Rolle des Entwurfsgebietes sowohl im Gefüge der Stadt als auch im besonderen Landschaftsraum Potsdams überzeugend herausgearbeitet. Das Preisgericht kann dieser Leitidee gut folgen.

    Es wird gewürdigt, dass der Postenweg erhalten und denkmalähnlich inszeniert wird. Die Historie des Ortes als ehemaliger Grenzstreifen wird so gut eingebunden. Im Vergleich zu anderen Arbeiten entwickelt das Entwurfsteam eine zurückhaltende, dem Ortsbild angemessene Choreografie der Gestaltungselemente, die positiv bewertet wird. Die Vorschläge zur Materialität des Postenwegs (Ziegelsteine, Mauersteine) konnten jedoch nicht überzeugen.

    Der Entwurf gehört zu den Arbeiten, die den Uferweg und die Realisierungsbereiche mit einer ruhigen, zurückhaltenden Gestaltungssprache prägen. Intensiv wurde im Preisgericht über die Rolle der markanten Kreiselemente (Stege) diskutiert. Es wird gewürdigt, dass die kreisrunden Stege nur teilweise ins Wasser reichen. Dennoch bleiben Grundfigur, Position und Größe in ihrer gestalterischen Aussage unklar.

    Die drei unterschiedlichen Rollen der Realisierungsbereiche A, B und C wurden erkannt und ausformuliert. Gegenüber anderen Arbeiten wurde der Freiraum im urbanen, hochfrequentierten Bereich C wenig überformt. Es wird infrage gestellt, ob die hier dargestellten Liege- und Blumenwiesen dem hohen Nutzungsdruck dauerhaft gerecht werden können. Die Idee, die bisherige Liegewiese im Realisierungsbereich A durch zahlreiche Gehölze zu ergänzen, kann nicht überzeugen. Picknickinseln und Sonnensegel stellen zwar ein ansprechendes Angebot dar, die daraus resultierenden Betriebs- und Unterhaltungskosten werden jedoch kritisch hinterfragt. Auch bleiben Fragen zur barrierearmen Erschließung offen.

    Aus naturschutzrechtlicher und denkmalpflegerischer Sicht stünde der Realisierung wenig entgegen.

    Die Arbeit hat den vorgegebenen Kostenrahmen deutlich überschritten.
    Unklar bleibt die funktionale Bedeutung der Ufersteine (Trittsteine, Steinschüttung). Darüber hinaus werden die voraussichtlich erhöhten Betriebs- und Unterhaltungskosten, insbesondere im Hinblick auf deren Reinigung, kritisch bewertet.

    Die geforderten Typologien für den Umgang mit dem Uferweg über private Grundstücke wurden erarbeitet. Die Verfassenden schlagen dazu ein partizipatives Verfahren für die weitere Klärung vor. Hier wurden jedoch konkretere Lösungsansätze erwartet.