Preisträgerin Dr. Elisabeth Kimmerle und Oberbürgermeisterin Noosha Aubel
Dr. phil. Elisabeth Kimmerle, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), erhält den Nachwuchswissenschafts-Preis der Landeshauptstadt Potsdam 2025. Oberbürgermeisterin Noosha Aubel zeichnete die Preisträgerin im Rahmen der Festsitzung des Einsteintages der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Nikolaisaal für ihre außergewöhnlichen wissenschaftlichen Leistungen im Bereich der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte aus. Ihre Dissertation mit dem Titel „Frauen in Bewegung. Migrantische Aushandlungsräume des Politischen zwischen West-Berlin und der Türkei (1961–1990)“ gilt als bedeutender Beitrag zur historischen Migrationsforschung. Der Potsdamer Nachwuchswissenschafts-Preis, dessen Preisträgerin oder Preisträger durch eine Jury ausgewählt wird, ist mit 5000 Euro dotiert und wird jährlich verliehen.
„Mit ihrer Forschung leistet Dr. Elisabeth Kimmerle einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit und Neubewertung migrantischer Frauengeschichte – und zur Erweiterung des historischen Verständnisses gesellschaftlicher Teilhabe. Die Arbeit erfüllt mich mit großer Freude. Ihre Forschung zeigt nicht nur wissenschaftliche Exzellenz, sondern gibt den Frauen, die unsere Geschichte geprägt haben, eine starke und klare Stimme. Sie macht sichtbar, wie viel Mut, Kraft und Gestaltungswillen in ihren Lebenswegen steckt. Solche Leistungen bereichern unsere Gesellschaft, stärken unseren Blick auf die Gegenwart – und inspirieren uns alle“, sagt Oberbürgermeisterin Noosha Aubel.
Jury-Mitglied Prof Dr. Heinz Kleger erklärt zur Auswahl der diesjährigen Preisträgerin: „Wie schreibt man MIGRATIONSGESCHICHTE? Das ist eine wichtige und schwierige Frage, auch im größeren Rahmen des großen Themas: Deutungsmacht und Partizipation in der Wissensproduktion. Dafür liefert Frau Kimmerle ein ausgezeichnetes Beispiel, theoretisch reflektiert und empirisch fundiert und dazu noch, was selten ist: gut geschrieben! Wissenschaftlich innovativ ist der Fokus auf der sozialen und politischen Handlungsfähigkeit der Migrantinnen selbst, die hier eine Stimme bekommen.“
Dr. Elisabeth Kimmerle sagt: „Der Potsdamer Nachwuchswissenschafts-Preis ist eine sehr schöne Anerkennung für meine Arbeit und für die Relevanz des Themas Migration und Geschlecht. Es freut mich sehr, dass die politischen Spuren, die Frauen aus der Türkei in den sechziger bis achtziger Jahren in West-Berlin hinterlassen haben, mehr Sichtbarkeit bekommen. Meine Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne die Zeitzeuginnen, die ihre Geschichte mit mir geteilt haben. Mein besonderer Dank gilt ihnen für ihr Vertrauen sowie Prof. Dr. Frank Bösch und PD Dr. Nora Lafi, die mein Promotionsprojekt am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam mit viel Engagement betreut haben. Nach meiner Promotion motiviert mich die Auszeichnung, meine Arbeit in den Themenfeldern Migration und Geschlecht in Potsdam weiter zu vertiefen, was angesichts aktueller politischer Entwicklungen umso wichtiger ist.“
Die Preisträgerin, geboren am 29. April 1985 in Leutkirch, hat ihre am LeibnizZentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) geschriebene Promotion an der Universität Potsdam im Dezember 2024 mit summa cum laude abgeschlossen. In dem Nominierungsschreiben wird die Arbeit als „Meilenstein für die deutsch-türkische Migrationsgeschichte“ bezeichnet. Besonders hervorgehoben wird, dass Dr. Elisabeth Kimmerle aufzeigt, wie migrantische Frauen – oft im Schatten öffentlicher Wahrnehmung – zu treibenden Kräften sozialen und politischen Wandels wurden. Sie verdeutlicht, wie sich private Erfahrungen von Migration und Diskriminierung in politische Handlungsräume übersetzten und bricht eindrucksvoll mit dem lange vorherrschenden Klischee der passiven weiblichen Migrantin.
Dr. Elisabeth Kimmerle forscht zu deutsch-türkischer Migrationsgeschichte sowie zur politischen Handlungsmacht türkeistämmiger Arbeiterinnen. Sie arbeitet seit 2024 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZZF, zuvor bereits von 2020 bis 2024 als Doktorandin am Institut. Vor ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit war sie journalistisch bei einer deutschen Tageszeitung tätig. Studiert hat sie Germanistik und Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Staatsexamen) sowie Journalistik im Master an der Universität Leipzig.
Der Jury lagen in diesem Jahr neun Arbeiten zur Auswahl vor. In der Jury saßen Noosha Aubel, Prof. Dr. Ralf Engbert (Universität Potsdam), Prof. Dr. Bernd Müller-Röber (Universität Potsdam) und Prof. Dr. Heinz Kleger (ehem. Universität Potsdam). In diesem Jahr wurde der Preis zum 19. Mal verliehen.
Die Landeshauptstadt Potsdam dankt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften um Präsident Christoph Markschies sowie den Vize-Präsidentinnen Julia Fischer und Ulrike Kuhlmann, dass der Nachwuchswissenschafts-Preis erneut im Rahmen des Einsteintages der Akademie vergeben werden konnte. „Es ist eine große Freude und Ehre, dass die Festsitzung des Einsteintages der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in Potsdam stattfindet und wir in diesem Rahmen den Nachwuchswissenschafts-Preis verleihen dürfen. Dieser Tag erinnert uns daran, welche Kraft Neugier, Forschung und gemeinsames Denken entfalten können. Ich danke allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mit ihrer Arbeit unsere Perspektiven erweitern und Zukunft möglich machen. Ihr Beitrag stärkt nicht nur die Wissenschaftsregion, sondern auch unsere Stadt.“
- Beschreibung der Arbeit, von Dr. Elisabeth Kimmerle
Arbeitsmigration galt lange als überwiegend männliches Phänomen. Dabei waren 1970 rund ein Drittel der Migrant*innen in Westdeutschland Frauen, in West-Berlin betrug ihr Anteil gar 40 Prozent. Meine Dissertation Frauen in Bewegung. Migrantische Aushandlungsräume des Politischen zwischen West-Berlin und der Türkei (1961–1990) untersucht, wie Frauen aus der Türkei ihre Handlungsspielräume in West-Berlin erweiterten und wie das vermeintlich Private in der Einwanderungsgesellschaft zum Politischen wurde.
Im Zentrum steht dabei die Frage, wie türkeistämmige Migrantinnen als translokale Akteurinnen die Bedingungen und Grenzen politischer Handlungsmacht ausloteten und verschoben. West-Berlin war nicht nur Schauplatz migrantischer Proteste, sondern wirkte sich als Inselstadt im Kontext des Kalten Krieges auch auf die politische Selbstorganisation der Frauen aus.
Ausgehend von umfangreichem Archivmaterial und zahlreichen Zeitzeuginneninterviews rekonstruiert die Arbeit politische Kämpfe von Migrantinnen in sozialen Räumen wie der Fabrik, dem Frauenwohnheim, der Straße und Frauenvereinen und verortet sie zugleich an konkreten Orten des städtischen Alltags. Damit entsteht eine politische Geographie von West-Berlin als Einwanderungsstadt, die tiefgreifende Veränderungen im Verständnis von Geschlecht, Migration und politischer Teilhabe sichtbar macht.
Die Arbeit argumentiert erstens, dass das Migrationsregime ‚das Private‘ politisierte. Aufenthaltsrechtliche Bestimmungen griffen tief in alltägliche Lebensbereiche ein und machten Fragen des Wohnens, der Familie und der Reproduktion zu politischen Aushandlungsfeldern. Diskriminierungserfahrungen und Rassismus verstärkten diesen Prozess. Da die Erwerbstätigkeit der Migrantinnen normative Geschlechterordnungen wie die Hausfrauenehe in Frage stellte, standen sie im Zentrum gesellschaftlicher Debatten über Geschlecht, Zugehörigkeit und Differenz.
Zweitens zeichnet die Dissertation nach, dass der Ausschluss der Migrant*innen von politischer Partizipation sowohl in Westdeutschland als auch in der Türkei das Politische in den urbanen Raum verlagerte: Die Straße wurde zum Wahllokal, Flugblätter und Demonstrationen zu zentralen Ausdrucksformen.
Drittens zeigt die Arbeit, dass Frauen eigene Formen politischer Organisierung entwickelten. Ab Mitte der 1970er Jahre gründeten politisch aktive Migrantinnen eigene Gruppen. In Frauenläden politisierten Migrantinnen in den achtziger Jahren das Private, indem sie sich etwa in scheinbar unpolitischen Kontexten wie Nähkursen organisierten oder Gewalt gegen Frauen als intersektionalen Missstand problematisierten. So riskierten viele migrantische Frauen bei einer Trennung und Flucht ins Frauenhaus eine Abschiebung, da sie per Familienzusammenführung eingereist waren und keinen eigenständigen Aufenthaltstitel hatten. Hier wird deutlich, wie intersektional verflochten Geschlecht und prekäre Aufenthaltsbedingungen waren – und dass der Politisierung von vermeintlich Privatem durch migrantische Akteurinnen eine staatliche Politisierung des Privaten vorausging.
Indem die Arbeit die Perspektiven von Zeitzeuginnen ins Zentrum stellt, eröffnet sie einen neuen Blick auf migrantische Selbstorganisation, auf das Verhältnis von Staat und Migration sowie auf die Frage, wie Migrationsgeschichte erzählt wird. Migrantinnen waren oft treibende Kräfte sozialen und politischen Wandels: Sie transformierten Geschlechterverhältnisse, verschoben Grenzen zwischen Privatem und Politischem und prägten die Einwanderungsgesellschaft mit ihren Kämpfen für Gleichberechtigung.