Ufer-Membran
Das Südufer des Griebnitzsees bietet die Chance, zwischen Land und Wasser, Vergangenheit und Gegenwart sowie privater und öffentlicher Nutzung zu vermitteln. Unser Freiraumkonzept begreift das Ufer als Membran, die räumliche, ökologische und gesellschaftliche Übergänge schafft. Sie schwingt, ist durchlässig, trennt und umhüllt. So entsteht eine lebendig gestaltete Uferzone, die als gemeinsamer Ort für Menschen, Tiere und Pflanzen wirkt und ihrer geschichtlichen Bedeutung auf unaufgeregte Weise gerecht wird.
Wie ermöglichen wir das? Das rund 3 km lange Südufer des Griebnitzsees erfordert aufgrund seiner komplexen topografischen, ökologischen, historischen und eigentumsrechtlichen Voraussetzungen einen differenzierten und sensiblen Umgang. Der Entwurf verfolgt eine zurückhaltende Strategie, die auf die jeweiligen räumlichen Situationen reagiert und dabei bestehende Qualitäten und Nutzungsansprüche aufnimmt. Der durchgängige Weg in gleicher Breite und Materialität, begleitende Wildhecken als räumliche Fassung und ökologisches Element sowie ökologisch ausgebildete Uferzonen sind wiederkehrende Gestaltungselemente. Sichtbare Eingänge und punktuelle Öffnungen stärken die Wahrnehmbarkeit und Zugänglichkeit des Ufers und machen den Landschaftsraum als zusammenhängenden öffentlichen Freiraum erfahrbar.
Klimaökologische Membran – Durch die Reaktivierung natürlicher Uferzonen wird das Ufer als Membran zwischen aquatischen und terrestrischen Lebensräumen gestärkt. Röhrichte, Ufergehölze und Flachwasserbereiche wirken als durchlässige Übergangsräume, die Biodiversität, natürliche Wasserkreisläufe und das Mikroklima fördern. Entsiegelung, Regenwasserversickerung, Verschattung und standortgerechte Vegetation puffern klimatische Extreme zwischen Stadtraum und Wasserraum ab.
Programmatische Membran – Der Uferweg verknüpft Bewegung, Aufenthalt, Naturerfahrung und soziale Aneignung miteinander. Szenografische Interventionen, Aufenthaltsorte und Wasserzugänge machen Geschichte, ökologische Prozesse und den Griebnitzsee als gemeinschaftlichen Freiraum erfahrbar.
Räumliche & soziale Membran – Eine zurückhaltende Gestaltung macht einen durchgängigen Uferweg zwischen öffentlicher Zugänglichkeit und angrenzenden Wohnsituationen möglich. Statt klarer Trennungen vermitteln abgestufte Übergänge zwischen Privatgrundstücken, Vegetation, Weg und Wasserraum. Fragmentierte Uferabschnitte werden wieder miteinander verbunden, wodurch der Griebnitzsee als zusammenhängender Landschaftsraum erfahrbar wird.
Historische Membran – Das Ufer fungiert als historische Membran, die vergangene Zustände, Erinnerungen und Narrative in die Gegenwart übersetzt. Bestehende Spuren und historische Bezüge der sich am Ort überlagernden Zeitschichten werden durch künstlerische Interventionen erleb- und sichtbar gemacht.
Klimaökologische Membran
Der Griebnitzsee wird als sozio-ökologischer Resonanzraum verstanden, in dem sich menschliche Aneignung und ökologische Prozesse produktiv überlagern. Ziel ist ein vielschichtiges Uferökosystem, das Lebensräume schafft und ökologische Dynamiken im Alltag erlebbar macht. Im Vordergrund steht die Reaktivierung natürlicher Uferprozesse.
Durch den Rückbau harter Uferbefestigungen und Ergänzung der standorttypischen Pflanzengesellschaften wird die natürliche Vegetationsabfolge von Wildhecken über Röhrichtzonen bis hin zur Schwimmblattvegetation gestärkt. Diese Übergänge stabilisieren das Ufer, verbessern die Wasserqualität durch Filter- und Pufferfunktionen und bilden vielfältige Lebensräume. Bestehende Bioptopstrukturen wie Schilfgürtel, Ufergehölze und Altbaumbestand werden behutsam in den Entwurf eingebunden und langfristig gesichert. Unter Stegen und Pontons entstehen strukturreiche Refugien aus Naturmaterialien die als Rückzugs- und Reproduktionsräume für Jungfische, Insektenlarven und Mikroorganismen dienen. Schwimmende Vegetationsinseln ergänzen das Habitatangebot, schaffen neue Brut- und Rückzugsräume für Vögel, Amphibien und aquatische Organismen, stärken den Biotopverbund und reduzieren gleichzeitig den Nutzungsdruck auf die sensible Uferzonen. Kiesbereiche in den Flachwasserzonen fördern zusätzlich benthische Gemeinschaften und erhöhen die Biodiversität.
Der wertvolle Baumbestand verleiht dem Ort seinen räumlich gefassten, grünen Charakter und bleibt daher weitestgehend erhalten. Ergänzt wird er durch klimaresiliente, standortgerechte und widerstandsfähige Arten wie Feld-Ahorn (Acer campestre), Zerreiche (Quercus cerris), Winter-Linde (Tilia cordata), Zitter-Pappel (Populus tremula), Silberweide (Salix alba) und Flatterulme (Ulmus laevis), um die Resilienz langfristig zu erhöhen. Durch die Verschattung und Verdunstung tragen die Gehölze zu einem angenehmen Mikroklima im Uferraum bei.
Wildhecken schaffen Schutz und Privatsphäre für Anwohnende und zugleich identitätsstiftende, sinnlich erfahrbare Landschaftsbilder für Besucher*innen. Gleichzeitig übernehmen sie essenzielle ökologische Funktionen als Nahrungsquelle, Rückzugsraum und Habitat für Insekten, Vögel und Kleinsäuger im Jahresverlauf. Früh blühende, kleinwüchsige Weidenarten stellen bereits zu Beginn des Jahres wichtige Nektar- und Pollenressourcen bereit.Es folgen Schlehe, Wildapfel und Schwarze Johannisbeere mit ihrer Blüte im Frühjahr sowie ihren Früchten im Herbst. Ab Sommer prägen Schwarzer Holunder und Hundsrose das Bild. Artenreiche Blühwiesen mit u.a. Schafgarbe (Achillea millefolium), Wilder Möhre (Daucus carota), Acker-Witwenblume (Kanutia arvensis) und Wiesenschwingel (Festuca pratensis) begleiten den Uferweg und die Wiesenlichtungen.
Es entsteht ein vielschichtiges Uferökosystem, das neue Lebensräume ausbildet, ökologische Dynamiken erfahrbar macht und den See als gemeinsamen Freiraum im Alltag neu verankert.
Das Niederschlagswasser befestigter Flächen soll grundsätzlich „über die Schulter“ vor Ort versickern.
Programmatische Membran
Der durchgängige Uferweg bildet eine programmatische Membran, die Bewegung, Aufenthalt, Naturerfahrung und soziale Aneignung miteinander verbindet. Entlang des Weges entstehen neue Sitz- und Aufenthaltsorte, informelle Spielangebote, sowie bespielbare Elemente, die Geschichte und ökologische Prozesse des Ufers erfahrbar machen. Szenografische Interventionen und sichtbar gemachte Relikte wie Villen oder Mauerfragmente übersetzen die historischen Zeitschichten des Ortes in den Alltag der Besucher*innen.
Stege und Pontons öffnen den Blick über den See und ermöglichen den Zugang zum Wasser, Kiesufer und Wiesenlichtungen schaffen Orte für Aufenthalt, Picknick und informelles Spiel im Schatten des alten Gehölzbestands. Im Bereich des S-Bahnhofs Griebnitzsee entsteht ein neuer sozialer Knotenpunkt mit Sitzstufen am Wasser, barrierearmen Zugängen sowie Aufenthalts- und Einstiegsorten für Kanus und Stand-Up-Paddling. So verbindet die programmatische Membran unterschiedliche Nutzungen, Atmosphären und Menschen entlang des gesamten Ufers.
Möblierung & Materialität
Eine durchgängige, ortsbezogene Gestaltsprache schafft Wiedererkennbarkeit entlang des gesamten Ufers. Verwendet werden langlebige, wetterfeste und wartungsarme Materialien wie wassergebundene Wegedecken, Holz für Mobiliar und Pontons sowie metallene Leitsysteme. Die Gestaltung ermöglicht eine inklusive und barrierearme Nutzung, während sich die Möblierung bewusst auf öffentliche Grundstücke beschränkt. Die Eingänge werden durch Mastenleuchten betont.
Sofern vorhanden, kann der Plattenbelag des Postenwegs erhalten bleiben und in den Wegeverlauf integriert werden. Die wassergebundene Decke schließt eben an die Platten an und gleicht sich farblich an.
Räumliche & soziale Membran
Der durchgängige Uferweg schafft einen sensiblen Übergang zwischen öffentlicher Zugänglichkeit und privaten Wohnsituationen. Statt klarer Abgrenzungen entstehen abgestufte Räume aus Vegetation, Topografie, Weg und Wasser. Wildhecken und zurückhaltende Gestaltungsformen sichern Sichtschutz, offene Seeblicke und die Privatheit bestehender Anleger. Der öffentliche Weg bleibt bewusst unaufdringlich und verzichtet entlang privater Grundstücke auf Aufenthaltsbereiche und Mobiliar. Gleichzeitig verbindet er bislang fragmentierte Uferabschnitte und macht den Griebnitzsee als zusammenhängenden Landschaftsraum erfahrbar.
Historische Membran - Geschichte erleben (Szenografie)
Ausgehend von der historischen Villenkolonie, den ehemaligen Grenzanlagen und den bis heute sichtbaren räumlichen Brüchen entwickelt der Parcours eine räumliche Choreografie, die unterschiedliche Zeitschichten erfahrbar macht. Geschichte wird dabei nicht museal erzählt, sondern über Interaktion, Bewegung und räumliche Erfahrung vermittelt. Die Landschaft wird dabei nicht als Hintergrund verstanden, sondern als aktiver Erfahrungsraum und Medium der Erinnerung.
Der Parcours vermittelt dabei nicht nur historische Inhalte, sondern vor allem die Spannungsverhältnisse, die diesen Ort bis heute prägen: zwischen Offenheit und Ausschluss, Natur und Kontrolle, privatem Rückzugsraum und öffentlicher Aneignung. Die ehemalige Grenze wird nicht ausschließlich erklärt, sondern räumlich und körperlich erfahrbar gemacht.
Natur, Geschichte und Erinnerungskultur überlagern sich entlang der Membran. Licht, Geräusche, Vegetation, Materialität und Bewegung werden selbst zu Trägern der Erinnerung und schaffen eine multisensorische Erfahrung des Ortes. Gleichzeitig entstehen Räume für Begegnung, Austausch und individuelle Aneignung.
So transformiert der Parcours den ehemals abgeschlossenen Grenzraum in einen offenen öffentlichen Landschaftsraum. Die Membran wird zum verbindenden Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart und schafft eine neue räumliche Identität für das Ufer des Griebnitzsees.
Typologien/Entwurf
Die Interventionen des Parcours verstehen sich als räumliche Ausprägungen einer Membran – als Situationen selektiver Durchlässigkeit, Abtrennung, Schwingung oder Umhüllung. Ihre Eigenschaften verändern und überlagern sich je nach Ort, räumlichem Kontext und Vermittlungsabsicht. Der Parcours entwickelt fünf Typologien, die unterschiedliche Zustände der Membran in spezifische Erfahrungsräume übersetzen. Als wiederkehrende Elemente strukturieren sie Bewegung, Wahrnehmung und Aufenthalt entlang des Ufers und reagieren auf unterschiedliche historische, landschaftliche und atmosphärische Situationen.
Typologie „Info“
Die Typologie „Info“ markiert Übergänge und Zugangssituationen entlang des Ufers. Die räumlichen Marker schaffen Orientierung und Wiedererkennbarkeit, wecken Interesse für den Parcours und vermitteln einen ersten Überblick über Verlauf, Themen und historische Zusammenhänge.
Typologie „Intro“
Die Typologie „Intro“ verdichtet historische, räumliche und gesellschaftliche Spuren zu ersten Lesarten des Ortes. Sie verbindet Wissensvermittlung mit räumlicher Erfahrung und eröffnet Blick- und Interpretationsangebote.
Typologie „Natur erfahren“
Interaktive Elemente wie Klangsteine, Fernrohre oder olfaktorische Stationen lenken die Aufmerksamkeit auf spezifische Qualitäten der Landschaft und aktivieren die sinnliche Wahrnehmung der Umgebung. Vegetation, Geräusche, Gerüche, haptische Elemente und Bewegung werden Teil der szenografischen Erfahrung und schaffen eine unmittelbare Beziehung zwischen Besucher:innen und Naturraum.
Typologie „Grenze / Verfolgung / Widerstand“
Die historische Teilung des Ortes wird nicht nur informativ vermittelt, sondern körperlich und räumlich erfahrbar gemacht. Verdichtete und umhüllende Situationen erzeugen Momente von Nähe, Kontrolle und Rückzug. Gleichzeitig entstehen geschützte Räume der Konzentration und des Innehaltens für sensible oder persönliche Inhalte, ohne die Verbindung zur umgebenden Landschaft vollständig aufzulösen.
Typologie „Linse“
Die „Linse“ fungiert als räumliches Instrument zur Aktivierung verborgener Zeitschichten. Überlagernde Ebenen innerhalb der Struktur enthalten zunächst unsichtbare Inhalte, die erst durch Bewegung, Licht und Perspektivwechsel sichtbar werden. Durch das Drehen einer Kurbel verändern sich die Überlagerungen der Schichten und aktivieren visuelle und auditive historische Narrative sowie ortsbezogene Hörstücke.
Durch die unterschiedlichen Typologien entstehen vielfältige Zugänge zum Ort. Je nach Interesse, Aufmerksamkeit und Aufenthaltsdauer eröffnen sich unterschiedliche Formen der Aneignung – von Information und Orientierung über sinnliche Naturerfahrung bis hin zu individueller Erinnerung und Reflexion. So entsteht ein vielschichtiger Erfahrungsraum, der unterschiedliche Besucher:innen anspricht und verschiedene Formen von Bewegung, Aufenthalt und Wahrnehmung ermöglicht.
Beurteilungstext
Die Arbeit findet mit ihrem Titel „Ufer-Membran“ eine schlüssige thematische Klammer für das vielschichtige Aufeinandertreffen unterschiedlichster Dimensionen, die am südlichen Ufer des Griebnitzsees in einen Dialog treten. Der Arbeit gelingt es, die bestehende Situation behutsam weiterzuentwickeln und mit angemessenen Mitteln trotzdem klare räumliche Setzungen vorzunehmen.
In Teil A wird die Wiesensituation genutzt, um Öffnungen auf das Wasser zu inszenieren und einen Rundweg einzuführen, der diesem Raum seinen Durchgangscharakter nimmt und Aufenthaltsqualitäten generiert. Kleine Kiesstrände mit treibgutartigen Holzplattformen schaffen niedrigschwellige Wasserzugänge, die sich in den Duktus der ansonsten natürlich gehaltenen Ufergestaltung gut einfügen. Ob diese Einladungen zum Baden im Sinne der Sicherheit in Nachbarschaft einer Bundeswasserstraße günstig ist, bleibt zu diskutieren. Kleinere Lichtungen stärken wegebegleitend den Wasserbezug. Landseitig schafft ein schmaler Entdeckerpfad ein gutes Angebot zur Erschließung der urbanen Wildnis. Der Serpentinenweg am Entrée wird positiv im Sinne der Barrierearmut bewertet, scheint aber im Unterhalt kritisch. Bei der Gestaltung des Postenweges wird ein Kompromiss gefunden, der Intarsien des historischen und im Bestand erhaltenen Weges in einem neuen Belag aus wassergebundener Fläche einbindet und damit herausstellt. Ob ein umfänglicherer Erhalt des Orginalweges besser gewesen wäre, wird kontrovers diskutiert.
Die Ausformulierung des Holzsteges in Teil B folgt der landschaftlichen Kontur und bietet eine maßgeschneiderte Lösung für diesen Ort.
In Teil C wird die vorgefundene Situation zeitgemäß und behutsam weiterentwickelt, ganz auf der Höhe der Zeit, ein Weiterbauen im Bestand. Die hinzugefügten Elemente sind wohl proportioniert und an richtiger Stelle gesetzt.
Die Leitidee einer Membran wird auch bei dem speziell für diesen Ort entwickelten Leitsystem weiterverfolgt. Der vielschichtige Ort wird auf sehr unterschiedliche Weise lesbar. Nicht der Weg einer musealen Inszenierung wird gewählt, sondern das interaktive Erleben in den Vordergrund gestellt. Diese vielversprechende Erlebniswelt integriert sich durch Materialität, Form- und Farbgebung sehr gut in den Naturraum. Dem Entwurf gelingt es, aus den eingeschriebenen, komplexen Bedeutungsebenen des Ortes einen sehr originellen und fein ausdifferenzierten Informationen-Parcours zu entwickeln.
Im Ideenteil versucht der Entwurf, die natürliche wilde Anmutung der öffentlichen Bereiche fortzuführen und schlägt freiwachsende wegebegleitende Gehölzpflanzungen vor. Dadurch wir die Kontinuität des Uferweges schlüssig fortgeführt. Überprüft werden muss, ob die Sicherheitsaspekte der Eigentümer ausreichend berücksichtigt sind. Die uferseitigen Privatflächen sind nur bedingt für die Eigentümer eingerichtet. Hier wird keine Lösung im Sinne der Auslobung gezeigt.
Die Arbeit wird sowohl von Seiten des Naturschutzes als auch von der Denkmalpflege positiv eingeschätzt.
Die grundsätzliche bauliche Realisierbarkeit scheint gut möglich, der Kostenrahmen wurde überschritten.
Die Arbeit bietet insgesamt einen wertvollen Beitrag für eine zukünftige Entwicklung des Ortes. Aufbauend auf dem Bestand wird die Vielschichtigkeit des Ortes auf gekonnte Weise herausgearbeitet und erlebbar gemacht.