2. Preis | Lohaus Carl Köhlmos Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Hannover, (Arbeit Nr. 1078)

Visualisierung Realisierungswettbewerb Griebnitzsee Platz 2
© Lohaus Carl Köhlmos Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Hannover/Paul Trakis

    Menschen erinnern an die Grenze

    Bei der Ortsbesichtigung hatten wir ein prägendes Erlebnis: wir trafen einen ehemaligen „Grenzer“, der genau im Planungsgebiet seinen Dienst tat. Er hatte das Südufer aufgesucht, um seiner Familie den Ort zu zeigen, an dem er als junger Thüringer den nicht abwendbaren Wehrdienst absolvieren musste, fand sich jedoch vor Ort nicht zurecht. Wir konnten ihm weiterhelfen. Es war eine berührende Begegnung, die nur eine von vielen Geschichten streift, die hier erlebt wurden. Daher schlagen wir vor, hier genau solche Geschichten zu sammeln und authentisch vor Ort zu erzählen: Menschen, die hier die Grenzanlagen erlebt haben. Menschen, die den Griebnitzsee vor der Errichtung der Grenzanlagen erlebt haben und gleichermaßen Menschen, die ihre Öffnung erlebt haben.Die Berichte und Erzählungen könnten an verschiedenen Orten entlang des Seeufers als Audio- oder Filmelement abrufbar. Die Hinweise sind als wiederkehrende, jedoch individuelle, variierende Mensch-Symbole mit den Relikten des Erinnerns an die ehemalige Grenze verknüpft. Es ist zu vermuten, dass sich Menschen beim Hören und Sehen des Erlebten selbst an Begebenheiten erinnern, die sie weitergeben möchten. Daher können im Laufe der Zeit weitere Symbole mit den Erzählungen weiter Personen hinzukommen – das Erinnern wächst. 

    Relikte erinnern an die Grenze

    Am Südufer des Griebnitzsees sind noch wenige authentische Relikte der ehemaligen Grenzanlangen vorhanden. Sie sind von besonderem Wert, jedoch nicht ohne weiteres auffindbar. Daher heben am ehemaligen Postenweg verortete Reliktfenster diese hervor, erläutern die Funktion und zeigen historische Bilder. In Waldpartien oder an Grundstücksgrenzen noch vorhandene Elemente wie Zaunpfosten, Zaunfüllungen aus Streckmetall oder Lochbetonplatten werden so fokussiert und auffindbar. Auch die unter der Asphaltdecke des ehemaligen Postenwegs noch vorhandenen großformatigen Betonplatten werden, so vorhanden, in den Abschnitten mindestens einmal durch einen Fokusfenster freigelegt und sichtbar gemacht.Der etwa 8  bis 55 m breite Grenzstreifen am Griebnitzsee kann jedoch an Hand der authentisch noch vorhandenen Relikte nicht nachvollzogen und die Dimension der Anlage nicht ermessen werden. Daher sollen Steelen im Gestaltungsduktus der Reliktfenster, die in ihrer Dimension die Pfosten Zauns nachzeichnen, in regelmäßigem Abstand von zum Beispiel 25 m platziert werden. Wenn ein Weg den Verlauf des Hinterlandzauns oder des vorderen Sperrzauns kreuzt, wird immer eine Steele sichtbar sein. Durch Nachverfolgen der Linie der Steelen lässt sich der ehemalige Verlauf erahnen. Der Verlauf wurde zunächst auf der Grundlage des WMS Dienstes der Webseite –Berlin.de angenommen und bedarf der Authentifizierung. 
    Der Uferweg, der in weiten Teilen dem Verlauf des ehemaligen Postenwegs entspricht, endet an den Privatgrundstücken abrupt. Der ehemals weitere Verlauf wird durch Fokusfenster deutlich: Eine einfache perspektivische Darstellung verweist auf den ehemaligen Grenz- und Wegeverlauf. Sollte es gelingen, den Weg auf privaten Grundstücken fortzusetzen entfallen diese Fokusfenster bzw. werden zur nächsten Grundstücksgrenze versetzt.
    Reliktfenster, Fokusfenster und Steelen werden analog zum Leitsystem der Berliner Mauer aus Cortenstahl gefertigt. Zur Kennzeichnung von Mauerverläufen werden sie Innen rot, in Abschnitten mit Grenzzaunanlagen grün lackiert. Integrierte Schrift und Bildelemente bieten Informationen. Taktil erfassbare, dreieckige Bodenmarkierungen aus Cortenstahl werden in den Wegverlauf eingelassen und stellen die Barrierefreiheit für Menschen mit unterschiedlichen Sehfähigkeiten sicher. 

    Konzept Freiflächen am Griebnitzsee Platz 2
    © Lohaus Carl Köhlmos Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Hannover/Paul Trakis

    Der Griebnitzer Seeuferpark

    Die heute am Südufer des Sees verteilten, bruchstückhaften Seeuferparkabschnitte werden sowohl durch die einheitlichen Errinnerungselemente an die Mauer und Grenzanlagen als auch durch wiederkehrende landschaftliche und gestalterische Elemente als zusammenhängend wahrgenommen – mit jedem weiteren Abschnitt, der zurückgewonnen werden kann, umso mehr.
    Die Hänge der  tiefeingeschnittenen Grundmoränenplatte sind wie  im Übergang zum Babelsberger Park deutlich wird,  typischerweise mit Gehölzen der Hartholzaue waldartig entwickelt bzw. in bebauten Bereichen als großzügige Gärten gestaltet. Den Hang hinab geben Sichtfenster imposante Blicke auf den See frei. Diese werden in den öffentlichen Bereichen geschärft und zum Aufenthalt optimiert. Die von Japanischen Bürger:innen initierte Sakura -Kampangne könnte  hier in veränderter Form z.B. mit fruchtenden Kirschen von Potsdamer Bürgerinnen  fortgesetzt werden, um „Frieden und Ruhe in die Herzen der Menschen“ zu bringen. Durchgängig prägend für das Südufer des Griebnitzsees ist auch der der flache Ufersaum, der wasserseitig an den Uferweg anschließt und der nahezu durchgehend mit feuchtigkeitsliebenden Ufergehölzen wie Erlen und Weiden bewachsen ist. An vielen Stellen haben sich als Krautschicht z.B. Sumpfiris und Seggen entwickelt. Die wasserseitige ökologisch wertvolle Röhrichtzone ist jedoch aufgrund von Belastungen durch Wellenschlag oder intensiver Nutzung durch Erholungssuchende nicht mehr vorhanden. Daher wird eine klare Zonierung der Uferzone in Erholungsufer und Naturufer vorgeschlagen. Die klar unterscheidbare Ausprägung trägt zur Akzeptanz bei und ist Erholungssuchenden leicht vermittelbar. Die einheitlich gewählten Ausstattungselemente wie Bänke, Bank-Tisch-Kombinationen, Liegen, Hängematten, Stege, Öffentliches Bootshaus aus Holz mit Cortenstahlrand als konstruktiver Holzschutz werden entsprechend nur in der Erholungszone angeboten. Die unterschiedlichen Ausprägungen bieten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten, auch für Kinder und Jugendliche.

    Visualisierung Seeuferpark Realisierungswettbewerb Griebnitzsee Lohaus-Carl-Koehlmos Platz 2.
    © Lohaus Carl Köhlmos Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Hannover/Paul Trakis

    Erholungsufer

    Die Erholungsufer sind gekennzeichnet durch Steinsetzungen aus skandinavischem Granit und Gneis, die die Geschiebe der Teltower Grundmoränenplatte prägen. Um sie als gestaltetes Element des Seeuferparks hervorzuheben, werden gesägte und teilweise gebrochene Steine verwendet. Je urbaner der Abschnitt, desto höher ist der Anteil der gesägten Elemente. Sie dienen der Ufersicherung und dem Wassererleben gleichermaßen. Je nach Nutzungsintensität werden die in Fugen und Lücken integrierten Hochstauden eine Ausbreitung erfahren oder Trittrasen Platz machen. Integrierte Holzstege erlauben das Anlanden oder Starten von Kajaks oder SUPs. In großzügigen Uferparkpartien wie dem Realisierungsteil A, kann ein öffentlichen „Bootshaus“ integriert werden, das Wandernden Wetterschutz oder Jugendlichen eine Rückzugsort bietet. An die Uferzone schließt sich in der Regel eine unterschiedlich eine unterschiedlich dimensionierte Rasen- bzw. mehrfach jährlich gemähte Wiesenfläche an, die als Spiel- und Liegewiese genutzt werden kann. Die Erholungsufer sind über Wege mit dem höher liegenden Niveau verbunden. An Engstellen, wie dem Realisierungsbereich B fehlt die Wege und es führt nur ein Weg hinab.

    4 Realisierungsentwürfe zum Uferweg am Griebnitzsee
    © Lohaus Carl Köhlmos Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Hannover/Paul Trakis

    Naturufer

    Die naturnahen Ufer – verkürzt Naturufer bezeichnet - dienen der ökologischen Aufwertung des Ufersaums und der Vermeidung der land- und wasserseitigen Übernutzung durch Erholungssuchende. Um die Entwicklung einer wasserseitigen Röhrichtzone zu ermöglichen, werden schwimmende Röhrichtwalzen vorgesehen. Die im Seeboden  verankerten, kunststofffreien Walzen erhalten Ihren Auftrieb aus mineralischem Glasschotter, einem Abfallprodukt der Dammstoffproduktion, Pflanzenkohle und Reetmatten, die mit Normalstahldraht zusammengefasst werden. Anders als in den aktuell in Berlin und NRW erprobten schwimmenden Vegetationsinseln, wird unter Wasser eine Bojenform gewählt, die sicher stellt, dass sich die Walze bei Wellenschlag (primäre und sekundäre Wellen) wieder aufrichtet. Die schwimmende Struktur stellt einen Wasseraustausch sicher, bietet mit den im Wasser hängenden Wurzeln der Gewässerfauna Habitatstrukturen und schützt gleichermaßen vor einer Ufernutzung durch Boote. Durch den wasserseitigen Schutz können sich landseitig die Ufergehölze inklusive Krautsaum aus Wildstauden, Gräser und Seggen entwickeln. Diese wird bei fehlender Ausprägung durch autochtone Stecklinge und Ansaaten initiiert. Die Vegetation geht am Uferweg in eine einmal im Jahr gemähte Wiese über. Zum Schutz vor Betreten kann hier landseitig bei bedarf ein Vegetationswalze mit Hochstaudenflur oder Totholzstämme eingebracht werden.

    Realisierungsteil A – Griebnitzer Seeuferpark südlich der Glienicker Brücke

    Die große Wiese im Norden wird großzügige als Picknick- und Liegewiese mit Blick auf den See entwickelt. Die flankierenden Gehölzpartien werden als schattige Aufenthaltsorte am Wasser entwickelt und mit hölzernen Liegen, Picknicktischen und Hängematten ausgestattet. Steinsetzungen ermöglichen den Wasserzugang sowohl an sonnigen als auch an baumbestandenen Partien. Sie setzen sich als Weg entlang des Südufers des Teltowkanals fort. Eine Treppe stellt die Verknüpfung zur Straße Allee nach Glienicke her. An einmündenden Wegen wie dem Waldweg oder der Treppe zum Landesinstitut wiederholen sich Abschnitte der Erholungsufer. Andere Teile werden als Naturufer mit Röhrichtzone entwickelt. Die jeweiligen Anteile gilt es im Planungsprozess auszuloten.

    Realisierungsteil B – Stichweg zum Seeufer an der Virchowstraße

    Der wassergebundene Weg wird beidseitig zu den Privatgrundstücken mit Hecken vervollständigt. In Abstimmung mit den Grundstücksbesitzern:innen werden im Heckenstreifen Kirschen ergänzt. Der Weg mündet auf in einen hölzernen Seesteg, der umlaufend mit einer Sitzstufe den direkten Wasserkontakt ermöglicht. Die Einblicke und Zugänglichkeiten der privaten Grundstücke wird durch die Entwicklung von Röhrichtzonen verhindert. Die Elemente zur Erinnerung an die Mauer bzw. Grenzzäune werden integriert.

    Realisierungsteil C – Griebnitzer Seeuferpark am Bahnhof Griebnitzsee

    Vis a Vis des Bahnhofs empfängt ein großzügiger Seebalkon die Besuchenden, der eine fantastische Aussicht in die Tiefe des Sees bietet. Der mit Staudenflächen gegliederte und mit großzügigen Bänken ausgestattete Seebalkon lädt zum Aufenthalt und zur Erstinformation über die Geschichte der Mauer bzw. Grenzanlagen ein. Es wird vorgeschlagen, zu Gunsten eines großzügigen Seebalkons alle Dauerlagerplätze von Kajaks südlich vom Bahnhof zu konzentrieren. Die vorhandene historische Treppe ist und bleibt der zentrale Zugang zur Seeufer. Um die an warmen Tagen hohe Frequenz an Kajak und SUPs zu bewältigen, wird zum ihrem Transport eine Kajakschiene begleitend zur Treppe installiert.  Kajaks können hier per Seilsystem auf Gummirollen herabgelassen oder hochgezogen werden. Gleichermaßen können Kinderwagen eingehakt und zu Fuß begleitet kraftunterstützt bewegt werden. Der Wiesenhang nördlich der Treppe wird mit Sitzstufen und Sitzliegen ausgestattet und kann somit zu allen Jahreszeiten für den informellen Aufenthalt genutzt werden. Die Zugänglichkeit wird über Öffnungen im Bereich der Treppenpodeste sichergestellt. Um den fantastischen Ausblick zu ermöglichen, werden zwei Kirschen umgepflanzt und am Fuß des Hanges einige wenige Gehölze entnommen. Am südlichen Hang wird die teilweise vorhandene, flache bodendeckende Krautschicht weiterentwickelt.
    Die Uferzone wird mit Steinsetzungen zugänglich gemacht und lädt zum Sitzen, Beobachten oder zur Erkundung mit Kajak und SUP ein. 

    Ideen Realisierungswettbewerb Freiraum Griebnitzsee Platz 2
    © Lohaus Carl Köhlmos Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Hannover/Paul Trakis

    Barrierefreiheit

    Der Seeuferpark verbleibt für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, und Menschen mit eingeschränkten motorischen Fähigkeiten zunächst barrierearm nutzbar. Für Menschen mit Seheinschränkungen sind taktile Elemente zur Orientierung und zur Auffindbarkeit der Reliktfenster integriert. Der Materialwechsel zwischen Wegebelag und angrenzender Vegetationsfläche dient als Sonstiges Leitelement.

    Beurteilungstext

    Die Leitidee, die sich mit Erinnerungskultur und zeitgemäße Freiraumnutzung zusammenfassen lässt, wird vom Preisgericht unterschiedlich bewertet.

    Der historische Postenweg wird erhalten und ertüchtigt, was positiv hervorzuheben ist. Das Motiv der Kirschbäume zieht sich verbindend durch den gesamten Entwurf. Die Freiraumnutzung ist insgesamt kleinteilig, vielseitig und schafft Angebote für verschiedene Bevölkerungsgruppen.

    Die Gestaltungsansätze im Ideenteil sind klar nachvollziehbar und entwickeln überzeugende Angebote für die Eigentümer, um die Akzeptanz des Uferwegs zu fördern, beispielsweise durch die Überstegung des Uferweges zum privaten Bootshaus. Damit schafft der Entwurf gute Voraussetzungen für eine Vermittlung des Konzepts gegenüber der Öffentlichkeit.

    Die Geschichte des Ortes bleibt durch den Erhalt des ehemaligen Postenwegs sowie durch verschiedene Vermittlungselemente (Reliktfenster, QR-Codes und Stelen) ablesbar und erlebbar. Die Fokusfenster mit ihrer perspektivischen Darstellung des ehemaligen Wegeverlaufs machen auf anschauliche Weise auf die Sackgassensituation des Uferwegs aufmerksam.

    Die Eingangsbereiche sind einladend gestaltet und machen den vorhandenen Freiraum auf zurückhaltende Weise nutzbar.

    Die Anbindung nach Nordwesten zum Park Babelsberg im Teilbereich A wird als massive, gleichförmige Uferbefestigung gestaltet. Sie wurde kontrovers diskutiert und insbesondere aus denkmalpflegerischer Sicht kritisch bewertet. Positiv hervorzuheben ist, dass sich die Gestaltung sensibel an die Uferkante anschmiegt. Gleichzeitig schafft sie einen attraktiven Aufenthaltsbereich für alle Bevölkerungsgruppen.

    Ausstattung, Möblierung und Materialwahl sind dem Ort angemessen. Der überdachte Wanderrastplatz im Teilbereich A ist hierfür ein gelungenes Beispiel. Die Anordnung der einzelnen Elemente wirkt locker und selbstverständlich in den Landschaftsraum eingefügt.

    Im Teilbereich B wird der geforderte Aussichtspunkt zurückhaltend gestaltet.

    Der bahnhofsnahe Realisierungsbereich C lädt mit vielen Sitzgelegenheiten bis hin zum Wasser ein und fügt sich gut in den Bestand ein (u. a. die vorhandene Steganlage).

    Die barrierearme Erschließung wird bei der Neuanlage von Wegen konsequent berücksichtigt. Positiv bewertet wird die Kajakschiene an der Treppenanlage im Realisierungsbereich C, die zugleich den Transport von Kajaks und Kinderwagen erleichtert. Die vorgeschlagenen bepflanzten Schwimmwalzen werden hingegen kontrovers diskutiert.

    Der Kostenrahmen wird eingehalten. Der Verzicht auf große wasserbauliche Einbauten wirkt sich positiv auf die Wirtschaftlichkeit des Entwurfs aus.