Potsdamer Olympioniken, Folge 3

Geschichten über Potsdamer Olympioniken: Eine Legende wird geboren

Text: Horst Sperfeld

Geschichten über Potsdamer Olympioniken: Eine Legende wird geboren

Potsdamer Olympioniken, Teil 3

Rom 1960

Wir schreiben das Jahr 1960. Das alte Rom ist an der Reihe, Gastgeber für die besten Sportler der Welt zu sein. Und das in einer Zeit, in der sich der kalte Krieg, die Konfrontation unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme so richtig in die Startlöcher begibt. Zugleich entlassen viele einstige Kolonialmächte ihre Territorien in Afrika und anderswo notgedrungen in die mit vielen Problemen verbundene Selbstständigkeit. Und in diesem politischen Umfeld sollen die Olympischen Spiele ein Erfolg werden? 

Sie werden es. Hier in Rom zelebriert man die Spiele regelrecht, denn erstmals erreichen bewegte Bilder von Olympia auch Haushalte kleinerer Leute in aller Welt. Und das ohne Zeitverzug, also direkt. Der Begriff von den Live-Übertragungen kommt ins Sprachgefühl von Jedermann. Es kann also überall mit gefiebert werden, auch wenn die gläsernen Wohnzimmer-Leinwände im Verhältnis zu heute nur winzig klein sind, nur wenige Zentimeter im Durchmesser für das Abbilden der Szenerie aus dem extra erbauten Olympiastadion oder vom antiken Forum Romanum bleiben. Die Möglichkeit, per Fernsehen mitten im Geschehen zu sein, lässt Helden erwachsen. Zu einem der ersten Medienstars wird so zum Beispiel Abebe Bikila. Am späten Abend läuft der Leibgardist des äthiopischen Kaisers Haile Selassie als Erster des Marathonlaufes ins Ziel direkt unter jenem religiösen Triumphbogen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Einen Gewinner gibt es immer, das ist normal. Dass dieser kleine Mann aus Nordafrika aber die 42,195 Kilometer barfuß auf dem heißen Pflaster zwischen den drei Hügeln der geschichtsträchtigen Stadt zurücklegt, katapultiert ihn für immer in die Herzen der am Fernseher zuschauenden Sportenthusiasten des gesamten Erdballs. Mit Rom erreichen aber die Olympischen Spiele nicht nur erstmals ein Millionen-Publikum. Hier gerät durch den Tod des dänischen Radsportlers Knud Jensen das Doping ebenso zum ersten Male in den Blickpunkt der weiten Öffentlichkeit.

Deutschland nominiert 292 Sportler für die Spiele der XVII. Olympiade in Rom. Mittlerweile stellt die DDR nach den Ausscheidungswettkämpfen mit 119 Athleten schon mehr als die Hälfte der gesamtdeutschen Mannschaft. Gleich zwölf Mal erklingt Beethovens "Ode an die Freude" für einen Sieger aus Deutschland. Zwei von ihnen bleiben besonders im Bewusstsein: Ingrid Krämer aus Dresden, die gleich zwei Wettbewerbe im Wasserspringen gewinnt, und Armin Hary aus der Nähe von Saarbrücken, der im Sprint über 100 Meter beweist, dass auch weiße Sprinter gewinnen können. Hary ist bis heute der letzte Europäer, der einen Weltrekord über die 100 Meter, in diesem Falle mehrfach 10,0 Sekunden, erlaufen konnte.

Für die gesamtdeutsche Mannschaft qualifizierten sich 1960 auch zehn Leichtathleten und ein Turner aus Potsdam. Von ihnen hat sich am Ende besonders der "Blonde Hans" hervorgetan. Zwar konnte keiner der Männer aus dem Luftschiffhafen ein Siegerpodest erklimmen, doch lieferte Hans Grodotzki gefeierte Rennen über 5000 und 10000 Meter. Beide Male verpasste der von Trainer Curt Eins beim Armeesportklub vorbereitete 24-jährige Blondschopf aus Ostpreußen nur knapp den großen Triumph. Der im beschaulichen Thüringer Bergbau-Städtchen Menteroda aufgewachsene Grodotzki bekam dadurch fast Legenden-Status. Und das erlaubte ihm trotz seiner Armeezugehörigkeit sogar eine Freundschaft mit dem westdeutschen Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger. Grodotzki ging als zweiter "echter" Medaillengewinner nach Christa Stubnick für seine Wahl-Heimatstadt ins Geschichtsbuch Potsdams ein. Doch auch die Berliner führen beide in ihrer Olympia-Bilanz, weil sowohl Hans Grodotzkis Trainingsstätte im Potsdamer Luftschiffhafen sowie die von Christa Stubnick im Ernst-Thälmann-Stadion als Außenstellen des Armeesportklubs Vorwärts und der SV Dynamo in Berlin galten. 

Potsdamer Sportler in Rom:

Leichtathletik:

  • Arthur Hannemann - 1500 Meter: Platz 8 im Vorlauf (ausgeschieden)
  • Siegfried Valentin - 1500 Meter: Platz 6 im Vorlauf (ausgeschieden)
  • Friedrich Janke - 5000 Meter: Platz 4
  • Bruno Bartholome - Marathon: Platz 28
  • Lothar Beckert - Marathon: Platz 56
  • Günter Havenstein - Marathon: Platz 57
  • Hermann Buhl - 3000 Meter Hindernis: Platz 4 im Vorlauf (ausgeschieden)
  • Klaus Peter - Hammerwurf: Platz 17
  • Fritz Kühl - Kugelstoßen: Platz 21, Diskuswerfen: Platz 30

Turnen:

  • Günter Nachtigall - Mannschaft: Platz 7, Mehrkampf-Einzel: Platz 59

 

Quelle: Volker Kluge, "Olympische Sommerspiele, Die Chronik", Sportverlag Berlin, "Märkische Volksstimme"