Wissenschaftliche, baugeschichtliche und geschichtliche Bedeutung des Gebäudes bestätigt
Pressemitteilung Nr. 519 vom 27.08.2014

Groß Glienicke: Sommerhaus Alexander in Denkmalliste aufgenommen

Sommerhaus Alexander (© Landeshauptstadt Potsdam/Markus Klier)
Sommerhaus Alexander (© Landeshauptstadt Potsdam/Markus Klier)
Sommerhaus Alexander (© Landeshauptstadt Potsdam/Markus Klier)
Denkmal-Plakette für Sommerhaus Alexander wird montiert
Denkmal-Plakette für Sommerhaus Alexander wird montiert
Thomas Harding und Matthias Kartz bringen die Denkmal-Plakette an (© Landeshauptstadt Potsdam/Markus Klier)
Wohnraum im Sommerhaus Alexander
Wohnraum im Sommerhaus Alexander
Wohnraum im Sommerhaus Alexander (© Landeshauptstadt Potsdam/Markus Klier)
Wohnraum Sommerhaus Alexander in den 30er-Jahren
Wohnraum Sommerhaus Alexander in den 30er-Jahren
Wohnraum Sommerhaus Alexander in den 30er-Jahren (© Alexander Haus e.V.)

Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum hat nach Ortsbesichtigungen und verschiedenen Recherchen das Sommerhaus Alexander, Am Park 2, Groß Glienicke, Potsdam, mit Wirkung vom 23. Juli 2014 als Denkmal in die Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen. Somit wurde die wissenschaftliche, baugeschichtliche und geschichtliche Bedeutung des Gebäudes nunmehr auch offiziell bestätigt.

Als Sommerhaus gehört das kleine Gebäude in Potsdam zu den ersten seiner Art, ganz im Zuge der in den 1920er Jahren aufkommenden „Wochenendbewegung". Große geschichtliche Bedeutung erhält das Haus als Auftragswerk des erfolgreichen jüdischen Arztes und Präsidenten der Berliner Ärztekammer Dr. Alfred Alexander. Das Haus diente in den ersten Jahren ab 1927 als Sommerfrische und Wochenendhaus der Familie Alexander. Bis zur Flucht der Familie 1936 war das Haus zum einen Rückzugsort vor dem Berliner Trubel, doch zum anderen auch Treffpunkt von Bekannten der gastfreundlichen Familie zu feierlichen Anlässen. Als Alexander mit seiner Familie 1936 Deutschland aufgrund der Verfolgung wegen seines jüdischen Glaubens durch die Nationalsozialisten verließ, verpachtete er das Haus weiter an den Komponisten und Verleger Will Meisel, der mit der Schauspielerin Eliza llliard bis 1952 das Haus bewohnte. Aus dem eigenen Pachtvertrag wurde Dr. Alexander hinausgedrängt. Später lag das Grundstück im Mauerstreifen.

Nach längerem Leerstand soll das Haus nun zu neuem Leben erweckt werden. Einen Anfang machte die Aufräumaktion Anfang April, an der sich neben über 30 Groß Glienickern auch 14 Mitglieder der Familie Alexander/Harding beteiligten, die eigens aus England und Frankreich angereist waren. Der Verein Alexander-Haus e.V. beabsichtigt, das Haus als Ort der Erinnerung, vor allem aber auch der Begegnung von Menschen zu restaurieren und für die Zukunft zu sichern.

Die Unterschutzstellung fällt zusammen mit dem Erscheinen des Buches „Hanns und Rudolf – Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz“ von Thomas Harding. Dass sein Großonkel Hanns Alexander ein Nazi-Jäger gewesen war, hat er erst nach dessen Tod erfahren. In der erschienenen Doppelbiographie rekonstruiert er die Geschichte der zwei Deutschen Hanns und Rudolf, eines Juden und eines Katholiken, Zeitgenossen, deren Leben unterschiedlicher nicht hätten sein können. Thomas Harding erfreut: „[…]Mein Urgroßvater hat dieses Haus 1927 gebaut, meine Großmutter und ihre Geschwister haben hier im Garten Tennis gespielt, sind im See geschwommen und haben Kirschen von den Bäumen gepflückt. Es ist bemerkenswert, das nun, fast 90 Jahre später, dieses Haus gerettet wird. Dies wäre nicht möglich ohne die Unterstützung der Bürger von Groß Glienicke, vor allem des Groß Glienicker Kreises, der Stadt Potsdam, einschließlich des Oberbürgermeisters und der Stadtpolitiker, die einstimmig für die Unterstützung des Projekts votiert haben, der Unteren Denkmalschutzbehörde in Potsdam, des Brandenburgischen Landesdenkmalamtes und der ProPotsdam. Nun, da wir die Unterschutzstellung des Hauses erreicht haben, müssen wir die harte, aber spannende Arbeit der Restaurierung angehen und dann Programme entwickeln, um an die Vergangenheit zu erinnern und dabei gemeinsam eine neue und aufregende Zukunft zu gestalten.“

 
Hintergrundinformationen zum Sommerhaus Alexander
Von dem Gelände des ehemaligen Gutsparks in Groß Glienicke wurden ab 1927 Parzellen zur Bebauung abgeteilt. Eine dieser Parzellen pachtete der Berliner Arzt Dr. Alfred John Alexander vom Gutsbesitzer Otto von Wollank zur Errichtung eines Wochenend-Einfamilienhauses. Die schmale Parzelle erstreckt sich annähernd in Nord-Süd-Richtung von der Straße Am Park bis zum Ufer der Groß Glienicker Sees. Einige Meter vor dem Seeufer führt heute noch der Postenweg der ehemaligen Grenzbefestigungsanlagen aus der Zeit der deutschen Teilung über das Grundstück.

Das Haus diente in den ersten Jahren als Sommerfrische und Wochenendhaus der Familie Alexander. Die Bauausführung hatte Otto Lenz übernommen, Inhaber eines Berliner Baubetriebs, der sich auf Holz- und Holzhausbau spezialisiert hatte. Nach der Emigration von Dr. Alexander und seiner Familie im Jahr 1936 und der Nutzung durch den Komponisten und Verleger Will Meisel und die Schauspielerin Eliza llliard bis 1952, bewohnte von 1958 bis 2003 Familie Kühne das Haus. Hierzu erfolgten 1958 und später verschiedene Umbauten, wie der Einbau von zwei weiteren Schornsteinen und leichten Grundrissveränderungen (Bad, östlicher Flur, Eingangsveranda).

Auf dem südlichen, dem See zugewandten Teil des Grundstücks befindet sich das erhaltene Holzhaus als eingeschossiger Bau mit sehr flach geneigtem Walmdach. Die Nordfassade bildet die Eingangsseite mit zwei Eingangstüren und mit Schiebeläden zu verschließenden Schiebefenstern. Der östlichen Eingangstür wurde in den 1950er Jahren eine Veranda als Windfang vorgelagert. Die Südseite des Hauses wurde ursprünglich von einer teilüberdachten Terrasse geprägt, die dem in der Mitte gelegenen, leicht eingezogenen Wohnraum (Kaminzimmer) vorgelagert war. Diese Situation wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verändert und die Südwand im mittleren Bereich durch eine verputzte Mauerwerkswand mit einem dreiteiligen Fenster in der Flucht der seitlich angrenzenden Räume ersetzt. Der ursprüngliche Zustand ist in den historischen Fotografien gut nachvollziehbar. Erhalten sind die vorlagerte Terrasse aus Solnhofener Platten und die Treppenanlage zum Ufer hin.

Über die westliche Tür in der Nordfassade betritt man den kurzen Flur, der in den zentralen Wohnraum führt. Rechts und links des Wohnraums findet sich jeweils ein Schlafzimmer; das östliche war wohl das Elternschlafzimmer, während das westliche das Zimmer der Töchter war. Beide Zimmer waren ursprünglich vom Wohnraum aus zugänglich. Nördlich vor dem Wohnraum befinden sich im Westen das Bad und im Osten die Küche. Dieser Raum ist als einziger unterkellert. Im Keller befand sich die Feuerungsstätte der zentralen Raumluftheizung mit gemauerten, glatt verputzten Luftkanälen, die zu Bodenauslässen der Wohnräume führen.

Als weitere Raumschicht befinden sich zwei weitere Schlafräume nördlich von Küche und Bad. Die Wand zwischen Küche und nördlich anschließendem Raum wurde später entfernt, ist aber noch nachvollziehbar. Über die östliche Eingangstür erreicht man einen weiteren Raum, dessen Funktion noch unklar ist. Auch wenn manche Spuren zunächst an einen Anbau in den ersten Nutzungsjahren denken lassen, lassen sich bei genauerer Betrachtung keine Befunde machen, die eine bauliche Veränderung in diesem Sinne belegen würden. Vermutlich gab es schlicht eine Planänderung, also eine Erweiterung gegenüber den ersten Plänen schon während der Bauphase.
 
Die Konstruktion des Hauses besteht aus einer einfachen Pfosten-Riegel-Konstruktion, wie sie zur Zeit der Erbauung vielfach angewendet wurde. Eine umlaufende Schwelle (Kantholz ca. 6x6 cm) liegt auf einem Streifenfundament aus Backsteinmauerwerk auf. Pfosten und Riegel (4x6 cm und 6x6 cm bei den Eckpfosten) sind mit einer leicht profilierten Spundschalung verkleidet. Diese ist außen horizontal und innen vertikal angebracht. Die Aussteifung übernimmt augenscheinlich die Schalung. Die Stoßfugen der äußeren, dunkelbraunen Schalungsbretter sind mit vertikalen Leisten abgedeckt, die mit ihrer auffälligen roten Farbe zusammen mit den weiß und rot gestrichenen Fensterläden das Erscheinungsbild des Hauses bestimmen. Im Inneren waren die Schalungsbretter an Wänden und Decken in den einfacheren Räumen (Flur, Küche, Bad) einfarbig lackiert. Im Wohnraum und in drei von vier Schlafräumen waren die Wände mit Sperrholztafeln verkleidet, deren Stoßfugen wiederum mit grün lackierten Leisten abgedeckt waren. Hervorzuheben von der Innenausstattung ist eine Sammlung von Delfter Fliesen, die im zentralen Wohnraum über dem ehemaligen offenen Kamin in fünf Reihen zu je sechs Fliesen angebracht wurde und nach Aussage der Tochter Elsie von Dr. Alexander selbst gesammelt worden waren.

Als Sommerhaus gehört das kleine Gebäude in Potsdam zu den ersten seiner Art, im Zuge der in den 1920er Jahren aufkommenden „Wochenendbewegung". Kurz vor Errichtung dieses Wochenend¬hauses wurde 1927 in Berlin die große Ausstellung „Das Wochenende" gezeigt, die sich den in Amerika bereits eingeführten Begriff des „Weekend" zunutze machte, um auch in Deutschland Ähnliches ins Leben zu rufen. Teilnehmer waren u.a. Hans Poelzig, Max Taut, Harry Rosenthal und andere. Berlin war bei den in diesem Zusammenhang entstehenden Sommerhaus-Entwürfen führend, wie sich im Jahr 1932 an der ebenfalls auf dem Messegelände errichteten Musterhaus-Ausstellung „Sonne, Luft und Haus für alle" zeigte, an der sich nahezu alle führenden Architekten der Zeit beteiligten (Erich Mendelsohn, die Brüder Taut, Hans Scharoun, Ludwig Hilberseimer, Otto Bartning usw.). Als Zeitzeugnis für diese besondere Baugattung und den großen Markt, der dem bislang wenig erforschten Holzhausbau der 1920er und 30er Jahre beschieden war, kommt dem Sommerhaus Alexander wissenschaftliche und baugeschichtliche Bedeutung zu.

Große geschichtliche Bedeutung erhält das Haus als Auftragswerk des erfolgreichen jüdischen Arztes und Präsidenten der Berliner Ärztekammer Dr. Alfred Alexander. Wie erwähnt trafen sich zu besonderen Anlässen Freunde und illustre Bekannte der Familie, Treffen, die auch gefilmt wurden. Zu Dr. Alexanders berühmtesten Gästen zählen Albert Einstein, Lotte Jacobi und Max Reinhardt sowie zahlreiche weitere Künstler und Wissenschaftler der Berliner Gesellschaft. Die erhaltenen Filme zeigen Haus und Gästeschar, wobei das Gebäude vielfach als Ort des munteren Geschehens im Bild ist. Die Filme - und das Haus gleichsam als Bühne - legen damit ein spezielles Zeugnis eben jener Wochenendbewegung ab, die in den 1920er Jahren so großen Zuwachs erfuhr. Lotte Jacobi, die auch das Einstein-Haus in Caputh dokumentierte, hat das Haus photographisch festgehalten.