Pressemitteilung Nr. 517 vom 22.08.2019 Tag des offenen Denkmals: Das Landhaus Schade van Westrum lädt ein

Tag des offenen Denkmals: Das Landhaus Schade van Westrum
© Tag des offenen Denkmals: Das Landhaus Schade van Westrum
Tag des offenen Denkmals: Das Landhaus Schade van Westrum. Foto Niklas Nitzschke

Zum Tag des offenen Denkmals am 8. September werden interessierten Besuchern auch in diesem Jahr wieder spannende Einblicke in sonst verschlossene Denkmale ermöglicht. Das Landhaus Schade van Westrum richtet dabei ein Augenmerk auf die Entwicklung der Villenkolonie Neubabelsberg.

Der Geheime Regierungsrat Dr. jur. Anton Heyroth, der viele Jahre ehrenamtlich als Gemeindevertreter für Neubabelsberg tätig war, ließ sich 1890 in der damaligen Luisenstraße zwei schiefergedeckte Holzvillen errichten. Sie gehörten zu den ersten Holzbauten, die der Berliner Architekt Johannes Lange und die Wolgaster Aktien-Gesellschaft für Holzbearbeitung gemeinsam realisierten. Bekannt geworden sind beide vor allem durch die zahlreichen Holzvillenund die Seebrücke in Heringsdorf sowie die Rennbahnanlagen in Karlshorst.
Das kleinere Haus lag unmittelbar an der Grundstücksgrenze und entsprach noch sehr schwedischen Vorbildern, die größere Villa lag in der Mitte des Grundstücks und war reich an Zierrat. 1921 verkaufte Heyroth einen Teil des Grundstücks mit der größeren Villa an Hermine Schade van Westrum aus Hamburg. Der schmale nördliche Teil blieb in Heyroths Besitz und wurde schon 1920 erweitert und aufgestockt.

Im Jahre 1927 ließ Hermine Schade van Westrum das Haus wesentlich umbauen. Den Entwurf hierfür lieferte der Architekt und Sohn Siegmund Freuds, Ernst Ludwig Freud (1892-1970). Dieser Umbau prägt noch heute wesentlich das Erscheinungsbild des Hauses. Unter Beibehaltung der Raumstruktur erneuerte Freud die Umfassungswände und begradigte die seeseitige Fassade. Er übernahm das bereits durch die Architekten Bastian & Kabelitz bei einem vorherigen Umbau entstandene Mansarddach für den ganzen Baukörper. Diesem setzte er auch eine über die gesamte Hausbreite reichende Terrasse vor, die sich in der Mitte zu einer halbrunden Veranda und Balkon erweiterte. Die innere Raumstruktur wird noch heute durch die zum See orientierte Enfilade (Raumflucht) von Speise-, Herren- und Musikzimmer bestimmt und spiegelt sich in den vielen Fenstertüren wieder. Insgesamt ergab der Umbau ein differenziertes Erscheinungsbild, das auf exemplarische Weise funktionelle und gestalterische Charakteristika von Villa (Seeseite) und Landhaus (Straßenseite) vereint.

Neben der künstlerischen und baugeschichtlichen Bedeutung trägt das Landhaus auch durch seine Bewohner maßgeblich zur geschichtlichen Bedeutung der Villenkolonie bei. Schon 1930 ging die Villa mit einem Vorkaufsrecht für das verbliebene Heyrothsche Grundstück in den Besitz des jüdischen Berliners Rechtsanwalts Dr. Arno Wittgensteiner über. Bereits zwei Jahre später veräußerte Wittgensteiner das Grundstück an den auf internationales Recht spezialisierten Rechtsanwalt und Kunstsammler Dr. Udo Rukser aus Rehbrücke, der 1937 beide Grundstücksteile wieder zusammenführte. Nach 1933 trat er als Herausgeber der von ihm mitbegründeten „Zeitschrift für Ostrecht“ zurück, weil er die verlangte Trennung von seinen jüdischen Mitinhabern verweigerte, legte seine Anwaltszulassung nieder und zog sich an den Bodensee zurück. Rukser empfing dort auch zahlreiche Künstler, unter anderem Ewald Mataré und Karl Schmidt-Rottluff. Unweit entfernt wurde auch die Halbinsel Höri nach 1933 Zufluchtsort für verfolgte Künstler, wie Otto Dix, Helmut Macke und Erich Heckel. Das Neubabelsberger Haus vermietete er an den Automobilrennfahrer Hans Stuck und dessen Ehefrau, die Tennisspielerin und Journalistin Paula Stuck von Reznicek. 1939 emigrierte Rukser mit seiner zweiten jüdischen Ehefrau Dora Richter-Rothschild, Schwester des Filmpioniers und Malers Hans Richter, nach Chile. Dort war er als Herausgeber deutschsprachiger Literatur und Dozent an der Philosophischen Fakultät der Universität von Santiago tätig. Neuer Eigentümer seines Landhauses wurde Verleger Dr. Erich Stückrath, der das Grundstück als Entschädigung für sein Berliner Grundstück an der Heerstraße erhalten hatte, dass den Planungen Albert Speers für eine Hochschulstadt weichen sollte. Stückrath ließ die kleine Holzvilla abbrechen, das Landhaus geringfügig umbauen und den Garten durch Heinrich-Wiepking-Jürgensmann neu gestalten. Anfang der 1940er-Jahre hielt sich Erich Kästner hier auf und arbeitete an seinen Kriegstagebüchern.

Das Landhaus Schade van Westrum ist am Tag des offenen Denkmals von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Um 15 Uhr spielt hier ein Ensemble des Deutschen Filmorchesters Babelsberg und lädt alle interessierten Besucher zum Zuhören ein. Das vollständige Programm zum Tag des offenen Denkmals ist ab sofort in der Unteren Denkmalschutzbehörde Potsdam, dem Bürgerservice, als auch online unter www.potsdam.de/event/tag-des-offenen-denkmals  erhältlich.