Nowawes - eine friderizianische Kolonie

Das Dreieck als Siedlungsgrundriss

Comenius
Das besonders betonte „Böhmische“ in dieser Siedlung tritt nicht zuletzt in dem seit 1752 (zur Zeit der ersten Erweiterung) verwendeten Namen Nowawes auf (tschechisch Nova Ves: Neuendorf). Auch der Kirchenbau selbst, ein von dem namhaften Architekten, Jan Boumann d. Ä, errichteter stattlicher Steinbau, betont die Besonderheit des Ortes. In der Kirche wurden böhmische und deutsche Gottesdienste abgehalten, und auch in der Schulausbildung wurden die beiden Sprachen gepflegt.(13) Das Kirchensiegel von 1766 trägt bezeichnender Weise die Umschrift: „Pod twau ochranau“. „Cyrkwe. w. Nowewsy.“, was übersetzt heißt: „Unter deinem Schutz.“ „Kirche von Nowawes.“(14)

Die Böhmischen Brüder, die ihre Gemeinschaft auf das Wirken von Jan Hus zurückführen, mussten ihre Heimat aufgrund der Gegenreformation verlassen. 1457 kam es zur ersten Kirchengründung. Ihr letzter Bischof war JOHANN AMOS COMENIUS (1592 – 1670).(15) In seiner 1681 in lateinischer Sprache veröffentlichten Schrift „Triertium Catholicum“ (Allgemeine Dreikunst) stellt Comenius sein Dreieck der Weisheit vor. Danach ist das „Ding“ an sich (also das Wesentliche) ein Verschmelzen der Trias Denken, Reden und Handeln. Seine Theorie veranschaulicht der Theologe anhand einer Grafik: die drei Aktionen Denken, Reden und Handeln symbolisieren die drei Spitzen eines gleichschenkligen Dreiecks, in deren Mitte sich „res“, das Ding, befindet. Den böhmischen Siedlern von Nowawes, die ja als Glaubensflüchtlinge in Preußen ankamen, waren Comenius’ Schriften sehr wohl bekannt. So ist der Rückschluss zulässig, dass der ungewöhnliche Grundriss der Kolonie mit ihrem zentralen dreieckigen Platz auf die neuen Bewohner zurückzuführen ist, die möglicherweise während der oben dargestellten schrittweisen Anlage der Kolonie Mitspracherechte eingeräumt bekamen. Ein gleichschenkliges Dreieck als Mittelpunkt der Siedlung wurde allerdings nicht erzielt, womöglich auch aufgrund des Zeitfortschritts. Inwieweit das Symbol der Trinität (Gott Vater – Sohn – Heiliger Geist) in demselben Zusammenhang eine Rolle spielte, welche im 18. Jahrhundert viel diskutiert und dargestellt wurde, wäre noch ikonographisch zu untersuchen. Nur eine solche Deutung der Anlage erklärt, warum unregelmäßige und verschieden große Grundstücke in der vollständig neu angelegten Siedlung in Kauf genommen wurden, wo doch keinerlei geographische Zwänge gegeben waren.

Die hier nur kurz angesprochenen Siedlungsgrundrisse, wie auch der von Nowawes, sind unzweifelhaft religiös begründet, wenngleich ihre Ausführung nicht immer nach heutigen Maßstäben vermessungstechnisch einer exakten Symmetrie folgen. Den Menschen der damaligen Zeit war die Symbolhaftigkeit wichtiger als die präzise Geometrie, konnten sie doch ihre Siedlungen sowieso nie aus der Luft sehen. Aus heutiger Sicht aufgrund von „Ungenauigkeiten“ schließen zu wollen, dass derartige Formen anderer Erklärungen bedürfen, beweist letztlich nur, wie weit wir uns vom Verständnis der damals anders empfindend denkenden Menschen aus anderen Kulturkreisen entfernt haben, bzw. wie viel in Vergessenheit geraten ist.

Abschließend sei der Hinweis gestattet, dass der stets als Entwurfsplan für Nowawes angesehene Plan von C. L. NETCKE von angeblich 1750 erst 1764 entstanden sein kann, als Friedrich II. die Erweiterung von Nowawes beidseitig der alten churfürstlichen Allee anordnete. Dafür weist der Plan, nämlich die mit „A“ und „B“ gedachten Flächen aus.

Für Hinweise danke ich Herrn W. Korthaase, Frau S. Ambrosius, Frau R. S. Dornbusch und Herrn S. Hauff (Vorstandsmitglied der Deutschen Comenius-Gesellschaft). Für die Zeichnungen bedanke ich mich bei Frau R. S. Dornbusch und für die Übersetzung Herrn Dr. Dr. Th. Biller.

Die Rekonstruktionsversuche wurden auf der Grundlage der sog. Lennéschen Verschönerungs-Plans von 1833 angefertigt.
„Verschönerungs-Plan der Umgebung von Potsdam...“, Kupferstich im Zentrum von Möllendorf/Bembé, 1826/27. Planslg. Der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Nr. 3639.