Kolumne der Woche: Gemeinsames Engagement für Flüchtlinge

Oberbürgermeister Jann Jakobs
Oberbürgermeister Jann Jakobs
Oberbürgermeister Jann Jakobs

19. Oktober 2014

Liebe Potsdamerinnen und Potsdamer,

was wir alle derzeit täglich in den Auslands-Nachrichten lesen, hören und sehen hat auch Auswirkungen auf uns in Potsdam. Der Krieg in Syrien, die furchtbaren Taten der IS, immer wieder Kriege in afrikanischen Staaten und die instabile Lage in früheren russischen Gebieten zwingt die dort lebenden Menschen zur Flucht nach Europa. Insgesamt 200.000 bis 230.000 Menschen, die ihre Heimat aus Angst um ihr Leben verlassen, werden dieses Jahr in Deutschland erwartet. Auch in Potsdam. Daher bereiten wir uns darauf vor, weitere Flüchtlingsunterkünfte zu eröffnen.

Aktuell wird immer wieder berichtet, die Kommunen seien aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen mit der Aufgabe überfordert. Das ist nur so, wenn Bund und Land ihrer Verantwortung nicht nachkommen und die Kommunen bei der Versorgung der Flüchtlinge alleine lassen. Doch ich muss deutlich sagen: Es ist nicht allein Aufgabe der Kommune, den Aufenthaltsstatus zu klären und Flüchtlinge zu betreuen – daran müssen Bund und Land gelegentlich erinnert werden.

Aus meiner Sicht ist es eine Aufgabe aller in unserer Gesellschaft. Es ist ein Zusammenspiel zwischen den Verwaltungen von Bund, Land und Kommune sowie der Bevölkerung. Daher haben wir in den vergangenen Monaten eine sehr starke Öffentlichkeitsarbeit betrieben, um Sie als Potsdamerinnen und Potsdamer immer unmittelbar über die Entscheidungsprozesse zu einzelnen Standorten der Flüchtlingsunterkünfte zu informieren, ein transparentes Verfahren zu gewährleisten sowie für die Problematik und die Situation der Flüchtlinge zu sensibilieren.

Die Kolleginnen und Kollegen um die Beigeordnete Elona Müller-Preinesberger haben inzwischen erfolgreich neun öffentliche Bürgerinfo-Veranstaltungen durchgeführt. Es wurde ein Koordinator für Flüchtlingsfragen eingestellt, die Eröffnung von fünf neuen, teils temporären Standorten im gesamten Stadtgebiet vorbereitet und an bestehenden Unterkünften die Voraussetzungen für eine gute Integration geschaffen.

Dank Ihnen, liebe Potsdamerinnen und Potsdamer, ist in den vergangenen Monaten eine freundliche Willkommensatmosphäre für die Menschen nach ihrer Flucht entstanden. Dank Ihrer offenen Arme, Ihrem oft vorhandenen Verständnis für die Situation der Flüchtlinge habe ich in den vergangenen Monaten eine Solidarität erlebt, die einfach wunderbar ist. Vielleicht klingt es pathetisch, aber es ist die Wahrheit: Ich bin stolz auf Ihr Engagement und die Integrationsarbeit in der Stadt.

Neue Nachbarschaften sind entstanden, Sie haben spontan Patenschaften für Flüchtlingsfamilien übernommen, die Spendenbereitschaft zur Ausstattung der Unterkünfte war enorm und das ehrenamtliche Engagement ist riesig. Exemplarisch dafür steht die Nachbarschaftsinitiative Potsdam-West, die sich spontan mit Beginn der Unterbringung von Flüchtlingen in der Haeckelstraße gegründet und so beeindruckend gearbeitet hat, dass den Helferinnen und Helfern in diesem Jahr der Integrationspreis der Landeshauptstadt verliehen wurde. Zu Recht, wie ich finde.

Auch in den kommenden Wochen heißt es für uns gemeinsam, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Flüchtlingen ein würdiges neues Zuhause bieten zu können. Es ist eine große Herausforderung, denn der vorhandene Wohnraum ist begrenzt. Unser Ziel ist es daher, Flüchtlinge gleichmäßig in kleinen und mittelgroßen Unterkünften im Stadtgebiet zu verteilen. So werden neue Unterkünfte im Luftschiffhafen in Potsdam-West, in der Waldsiedlung Groß Glienicke, in der Dortustraße in der Innenstadt, in der Tornowstraße auf Hermannswerder, An den Kopfweiden in der Teltower Vorstadt, im Lerchensteig in Nedlitz sowie in der Grotrianstraße am Stern vorbereitet. Auch einen Notfallplan haben wir erstellt, um im Bedarfsfall weitere Flüchtlinge temporär in Notunterkünften unterzubringen. Ob er benötigt wird, werden wir in einigen Wochen wissen. Ich bin aber guter Hoffnung, dass wir alle gemeinsam auch künftig neue Nachbarschaften erfolgreich aufbauen können.

Gelegentlich werden Vorbehalte und Ängste von Anwohnerinnen und Anwohnern geäußert. Für viele der Ängste und Fragen habe ich Verständnis. Aber ich bitte Sie sich in die Situation der Flüchtlinge zu versetzen. Versuchen Sie nachzuvollziehen wie Sie sich fühlen würden, wenn in Potsdam Krieg wäre, wenn Ihre Nachbarn verschleppt werden, wenn Freunde oder Bekannte getötet werden, Sie Ihre Sachen in einen Koffer packen und ihre Heimat verlassen. Das Ziel der Flüchtlinge aus Syrien, Tschetschenien oder Eritrea ist nicht Potsdam, sondern ein Ort mit Frieden und Geborgenheit. Sie werden nach Potsdam geschickt und sie hoffen, hier diesen Ort zu finden. Für sie nicht ohne Sorgen um die Heimat oder zurückgebliebene Verwandte und Bekannte, aber doch in Sicherheit.

Diese Menschen haben unsere ganze Hilfe verdient, ich zähle auf Sie.

Ihr

Jann Jakobs