Pressemitteilung Nr. 658 vom 22.10.2015

Bürgermeister begrüßt Teilnehmer des Petersburger Dialogs in Potsdam

Kaiserbahnhof (© Untere Denkmalschutzbehörde)
Kaiserbahnhof (© Untere Denkmalschutzbehörde)
Kaiserbahnhof (© Untere Denkmalschutzbehörde)

Bürgermeister Burkhard Exner begrüßte am Donnerstag im Kaiserbahnhof die Teilnehmer des 14. Petersburger Dialogs, der vom 22. bis 24. Oktober 2015 in der Landeshauptstadt Potsdam stattfindet. Ziel des Dialogs ist ein breiter zivilgesellschaftlicher Austausch deutscher und russischer Teilnehmer. An dem erstmals in Potsdam abgehaltenen Petersburger Dialog werden etwa 200 hochrangige Vertreter und Experten beider Seiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen erwartet. An zwei Konferenztagen im Kaiserbahnhof werden den Teilnehmenden am Donnerstag ein Eröffnungsplenum, sowie Arbeitsgruppensitzungen, eine Podiumsdiskussion und ein Abschlussplenum am Freitag geboten.

Der im Jahr 2001 vom damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Leben gerufene Petersburger Dialog ist ein zivilgesellschaftliches deutsch-russisches Gesprächsforum, das dem Meinungsaustausch von Experten und Meinungsführern der beiden Nationen dient. Dachthema des 14. Petersburger Dialogs ist „Modernisierung als Chance für ein gemeinsames europäisches Haus“.

Die Rede es Bürgermeisters im Wortlaut:
-  Es gilt das gesprochene Wort.  -

Sehr geehrte Exellenzen,
sehr geehrte Mitglieder des Bundestages,
sehr geehrte Vertreter der Landesregierung,
sehr geehrte Landtagsabgeordnete,
sehr geehrter Herr Pofalla,
sehr geehrter Herr Dr. Subkow,
meine sehr geehrten  Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Petersburger Dialogs,

wir freuen uns sehr und empfinden es als Auszeichnung und eine große Ehre für die Landeshauptstadt Potsdam, Sie alle in dieser Woche zum 14. Petersburger Dialog in unserer Stadt begrüßen zu dürfen.

Seien Sie deshalb sehr herzlich willkommen hier im Kaiserbahnhof, in direkter Nähe des Parks Sanssouci.

Gern richte ich Ihnen auch die herzlichen Grüße unseres Oberbürgermeisters Jann Jakobs aus. Er bedauert, Sie nicht selbst hier an dieser Stelle begrüßen zu können, freut sich aber, dies morgen beim Empfang der Landeshauptstadt in den Neuen Kammern nachholen  zu können.

Potsdam ist ein gut gewählter Ort für alle, die sich für einen besseren und intensiven Austausch zwischen Deutschland und Russland engagieren. In unserer Stadt spiegelt sich die lange, wechselvolle Geschichte der Beziehungen beider Länder in fast jedem Viertel.

In jedem Stadtführer werden die zahlreichen Touristen, die Potsdam besuchen, zur  Kolonie Alexandrowka geführt. Die Kolonie wurde 1826 auf Wunsch des preußischen Königs, Friedrich Wilhelm III, im russischen Stil errichtet. Vorbild dieses noch original erhaltenen Ensembles mit Wohnhäusern und Obstgärten war das Parkdorf Glasovo bei St. Petersburg.
Und es war damals ein besonderes Zeichen der guten Beziehungen der Länder Preußen und Russland.  Im Zuge eines  gemeinsam besiegelten Militärbündnisses, hatte der preußische König Friedrich Wilhelm III.  den Wunsch geäußert, einen eigenen “Russischen Sänger-Chor” für sein preußisches Heer zu unterhalten. Als Geschenk des Zaren kamen sie an den preußischen Hof,  blieben in Potsdam und zogen in die Alexandrowka.

Die Kolonie wurde von Peter Joseph Lenné nach dem Vorbild russischer Soldatendörfer des späten 18. Jahrhunderts entworfen. Heute werden noch immer 4 Häuser von direkten Nachfahren der Sänger bewohnt. Das sind mittlerweile die 6. und 7. Generation. Ein neu zugezogener Bewohner der Alexandrowka ist unser Oberbürgermeister Jann Jakobs. Auch die Kolonie Alexandrowka gehört heute, wie so viele Orte in Potsdam, zum UNESCO Weltkulturerbe.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
fast 200 Jahre später geht es in den deutsch-russischen Beziehungen um weit mehr als den Austausch eines Soldatenchors. Vieles ist passiert, seitdem im Jahr 2001 der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin den Petersburger Dialog ins Leben gerufen haben.
Es ging ihnen darum, nicht auf der Ebene der Politik, sondern auch der Zivilgesellschaft den Austausch von Experten und das bessere gegenseitige Verständnis von Meinungsführern aus beiden Nationen zu stärken. Das ist angesichts der aktuellen Situation auch aus der Sicht eines Potsdamer Bürgermeisters ein Anliegen, das aktuell wichtiger kaum sein könnte.

Im vergangenen Jahr wurde der Petersburger Dialog  wegen des Konfliktes in der Ukraine kurzfristig abgesagt.  Hier in Potsdam nehmen Sie alle jetzt den  Dialog wieder auf. Das begrüße ich sehr. Und ich wünsche Ihnen allen die Offenheit, Neugier und Bereitschaft zum Verständnis der jeweils anderen Meinungen, die notwendig ist, um sich anzunähern und miteinander neue Perspektiven zu entwickeln.

Ein altes deutsches Sprichwort sagt: „Die Menschen reden viel zu sehr übereinander, sie sollen besser miteinander reden.“ Dem kann ich nur zustimmen. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurde in Deutschland und in Russland sehr viel gesprochen über die jeweils andere Seite und ihre vermutlichen Ziele. Man blieb weitgehend unter sich, bei den eigenen Argumenten, Wertvorstellungen und  Befindlichkeiten – eher eine Art Selbstgespräch und Selbstbestätigung  statt Dialog.

Abschottung war aber noch nie ein guter politischer Ratgeber. Deshalb ist es gut, wenn der Dialog jetzt wieder einsetzt. Ein fruchtbarer  Austausch kann gelingen, wenn er auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt gründet.

Ich wünsche Ihnen im Namen aller Potsdamerinnen und Potsdamer, dass Sie dabei in den kommenden beiden Tagen spürbar vorankommen.

Der frühere Oberbürgermeister von Potsdam, Matthias Platzeck, hatte in seiner Festrede zum Petersburger Dialog 2013 folgende wichtige Fragen formuliert: „Warum sprechen wir nicht mehr von der Idee eines gemeinsamen europäischen Hauses? Warum betrachten sich Deutsche und Russen, die sich nach den schrecklichen Konflikten des 20. Jahrhunderts eigentlich ausgesöhnt haben, heute wieder misstrauisch und behandeln sich in manchen Aspekten als Gegner?“

Das sind gute Fragen, und sie sind heute vielleicht sogar noch aktueller als vor zwei Jahren. Deshalb hat der Petersburger Dialog sich die richtige Überschrift gesetzt: „Modernisierung als Chance für ein gemeinsames europäisches Haus“. Wir wünschen Ihnen, dass Sie hier konstruktiv die schon bestehenden Planskizzen dieses Gebäudes in Augenschein nehmen und gemeinsam zukunftsfähig machen oder neu zeichnen.

Denn die Menschen in beiden Ländern, davon bin ich überzeugt, wollen Frieden und gute Nachbarschaft. Gerade auch, weil viele sich noch erinnern, wie es war, als diese Voraussetzungen nicht gegeben waren.

Die Potsdamer Konferenz 1945 ist dafür ein Markstein. Als der Dialog mit Russland nicht oder nur eingeschränkt existierte, in den langen Jahren des Kalten Kriegs, wurde Potsdam zur Grenzstadt zwischen beiden Blöcken. Die Glienicker Brücke wurde dafür zum weltweit bekannten Symbol.

In die zahlreichen Kasernen der traditionellen Garnisonstadt Potsdam zogen sowjetische Soldaten. Seit dem Truppenabzug im Jahr 1994 hat sich wiederum viel verändert. Als vor wenigen Tagen seine Exellenz, der russische Botschafter Wladimir Michailowitsch Grinin, ehemalige Militärflächen im Norden Potsdams besuchte, zeigte er sich davon beeindruckt. Auf dem Gelände der Grauen Kaserne entwickelt der Software-Gigant SAP  neue Produkte für das digitale Zeitalter. Aus der Roten Kaserne ist ein Wohn- und Gewerbegebiet geworden. Potsdam ist ein Beispiel für erfolgreiche Konversion: Die frühere Garnisonsstadt hat sich zu einem modernen Wissens- und Wirtschaftsstandort entwickelt.  Ein Standort, in dem Russland bis heute seinen starken Platz hat. Potsdamerinnen und Potsdamer mit russischem Pass bilden den größten Anteil an Ausländern in unserer Stadt – vor den Polen und Ukrainern. Als Muttersprache geben sogar rund 2300 Potsdamer Russisch an. Bei einer so intensiven Beziehung gibt es natürlich nicht nur positive Erinnerungen. Wer gerne über die Kolonie Alexandrowka spricht, darf die Gedenkstätten in der Lindenstraße und Leistikowstraße nicht verschweigen. Auch das gehört zur Geschichte Potsdams.

Und sich der eigenen Geschichte zu stellen, die Gegenwart ohne Scheuklappen zu betrachten und die Zukunft Schritt für Schritt zu gestalten, das ist Ihr selbstgesetztes Ziel, meine Damen und Herren.

Ich wünsche mir und Ihnen allen, dass aus Potsdam ein Signal gesendet wird. Ein Signal an Deutsche, an Russen und an die Welt: Wir sind im Dialog, wir bleiben im Dialog und wir wollen dem Dialog auch Taten folgen lassen.

Alles Gute und viel Erfolg dabei!