Schülerinnen und Schüler erforschten Schicksale der NS-Opfer
Pressemitteilung Nr. 652 vom 10.10.2014

Stolperstein-Verlegung für die Familie Lehmann

Die Zehntklässler des Humboldt-Gymnasiums Anja Vogler, Stine Sievert, Niklas Ullmann und Jakob Schuhmann (v. l.) präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den Biografien von Siegfried, Margarethe und Alfred Lehmann.
Die Zehntklässler des Humboldt-Gymnasiums Anja Vogler, Stine Sievert, Niklas Ullmann und Jakob Schuhmann (v. l.) präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den Biografien von Siegfried, Margarethe und Alfred Lehmann.
Die Zehntklässler des Humboldt-Gymnasiums Anja Vogler, Stine Sievert, Niklas Ullmann und Jakob Schuhmann (v. l.) präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den Biografien von Siegfried, Margarethe und Alfred Lehmann. Quelle: Landeshauptstadt Potsdam / Christine Weber

Drei Stolpersteine, die an die Schicksale dreier jüdischer Opfer des Nationalsozialismus in Potsdam erinnern, werden am Dienstag, 14. Oktober, um 17 Uhr, in der Weinbergstraße 36 verlegt. Dabei wird dem Rechtsanwalt Dr. Siegfried Lehmann, seiner Frau Margarethe Lehmann und deren Sohn Alfred Lehmann, gedacht. Die Familie hatte in diesem Haus ihren letzten selbstgewählten Wohnsitz. Die Recherche der Biografien der Lehmanns übernahmen Schülerinnen und Schüler des Humboldt-Gymnasiums. Unterstützt wurden sie dabei von Dr. Monika Nakath vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv und dem Rechtshistoriker Dr. Wolfgang Weißleder.

Die Landeshauptstadt Potsdam beteiligt sich seit 2008 an der 2003 vom Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufenen Aktion „Stolpersteine – ein Kunstprojekt für Europa“. Seitdem wurden in Potsdam bereits 26 Steine verlegt. Mit „Stolpersteinen“ wird auf die Schicksale von Opfern des Nazi-Terrors, des Rassenwahns, der Intoleranz und Euthanasie aufmerksam gemacht. Die persönlichen Lebensgeschichten der ansonsten oft namenlosen Opfer und die historischen Ereignisse in der Stadt werden mit den Steinen erkennbar gemacht. In Potsdam löschte die Shoa die einstmals einflussreiche, gesellschaftlich aktive jüdische Gemeinde vollständig aus. Erst am 21. März 1991 erlebte sie eine Neugründung.

Siegfried Lehmann lebte mit seiner Familie als Rechtsanwalt und Notar in Potsdam. Er wurde am 16. April 1874 in Neustettin geboren und heiratete in Breslau die dort am 1. März 1882 geborene Margarete Lipschütz. 1905 kam ihr Sohn Günter auf die Welt, 1908 folgte ihr zweiter Sohn Alfred. Seit 1920 betrieb Siegfried Lehmann mit Herbert Marcuse in der Brandenburger Straße 24 eine Kanzlei. Bereits im Sommer 1933 wurde ihm das Notariat entzogen. Da er als

sogenannter Altanwalt unter Ausnahmeregelungen fiel, konnte er zunächst weiter als Rechtsanwalt tätig sein. Zum 1. Dezember 1938 erging das allgemeine Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte. Siegfried Lehmann verlor so mit 64 Jahren seine berufliche Existenz und wurde erwerbslos. Die Alltagssituation der Familie verschlechterte sich weiter. Nur dem älteren Sohn Günter gelang 1939 mit seiner Familie die Flucht in die USA.

In den Jahren 1941 und 42 lebte das nunmehr weitgehend mittellose Ehepaar in den Räumen des Jüdischen Altersheimes in Potsdam-Babelsberg, Bergstraße 1. Ende 1942 mussten Siegfried und Margarete Lehmann Potsdam verlassen. Sie wurden beide nach Berlin gebracht. Margarete Lehmann wurde von dort am 12. Januar 1943 im Alter von 60 Jahren mit dem sogenannten 26. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Danach verliert sich ihre Spur. Sie wurde 1952 für tot erklärt. Siegfried Lehmann blieb in Berlin zurück. Am 7. Februar 1943 verstarb er im Jüdischen Krankenhaus im Alter von 69 Jahren. Die Beisetzung erfolgte auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee.

Alfred Lehmann wurde am 30. Oktober 1908 in Potsdam geboren. Er war der zweite Sohn von Siegfried und Margarete Lehmann. Alfred besuchte ab 1917 das städtische Realgymnasium, ab 1924 die städtische Oberrealschule. Dort bestand er 1927 die Abiturprüfung. Das Studium der Rechtswissenschaften führte ihn nach Heidelberg, München und Berlin. Im Jahr 1931 legte er das erste juristische Staatsexamen ab. Der Weg zum zweiten juristischen Staatsexamen wurde ihm durch das mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verbundene Berufsverbot versperrt. Daher nahm er am 1. Mai 1933 die Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter in der Berliner Firma Gebrüder Peiser auf. Er wohnte nach wie vor bei den Eltern in der Potsdamer Augustastraße 36 (heute Weinbergstraße).

Am 23. September 1938 wurde Alfred Lehmann aufgrund einer Denunziation verhaftet und wegen des Verstoßes gegen das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ angeklagt. Am 9. November 1938 erfolgte nach einem Prozess vor dem Landgericht in Potsdam die Verurteilung wegen „Rassenschande“ zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Er konnte nicht mehr, wie ursprünglich geplant, im Oktober 1938 aus Deutschland fliehen. Am 29. November 1938 wurde Alfred Lehmann in das Zuchthaus Brandenburg und danach in das Zuchthaus Celle überstellt. Hier musste er zeitweilig im Außenarbeitskommando Mulmshorn Schwerstarbeit verrichten, die zu massiven gesundheitlichen Schäden führte. Am 19. März 1941 wäre die Haftzeit für Alfred Lehmann beendet gewesen. Er wurde jedoch in das Polizeigefängnis Potsdam überstellt und in „Schutzhaft“ genommen. Am 5. April 1941 erfolgte die Überführung in das KZ Sachsenhausen, später ins KZ Groß-Rosen. Dort verstarb Alfred Lehmann am 9. September 1941 im Alter von 32 Jahren.

Die Verlegung des Stolpersteins wird Gunter Demnig persönlich übernehmen, der Enkel von Siegfried und Margarethe Lehmann, Ralph Lehman, wird mit seiner Familie anwesend sein. Im Anschluss an die Verlegung stellen die Schüler die Ergebnisse ihrer Recherche zum Leben von Siegfried, Margarethe und Alfred Lehmann um 18 Uhr, im Humboldt-Gymnasium, Heinrich-Mann-Allee 103, vor.