Pressemitteilung Nr. 224 vom 15.04.2010

Gedenkandacht zur Bombardierung Potsdams

Oberbürgermeister Jann Jakobs hält Gedenkrede

Anlässlich der Bombardierung Potsdams vor 65 Jahren findet heute um 19:30 Uhr in der
St. Nikolaikirche, Am Alten Markt in Potsdam eine Gedenkandacht statt. Oberbürgermeister Jann Jakobs hält auf Einladung des Kirchenkreises Potsdam eine Gedenkrede.

Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Gäste,

es ist nur „ein Menschenalter" her, dass wir zurück auf die Nacht von Potsdam schauen, auf die Nacht vom 14. April 1945.
Um 17:00 Uhr war der Bomberverband in England gestartet - 490 Flugzeuge werden am Schluss an der Bombardierung Potsdams beteiligt sein.
Mehrere Stunden später fallen die ersten Bomben auf Potsdam.
Hans Werner Mihan und andere haben uns detaillierte Schilderungen, Aufzeichnungen und Berichte über diese Nacht hinterlassen.
Diese Ereignisse hinterlassen viele Fragen, Fragen nach dem Warum
Warum Potsdam?
Die symbolische Vernichtung des preußischen Erbes?
Gerüchte und Hinweise, dass das OKW, das Oberkommando der Wehrmacht angesichts der Bedrohungen in Berlin nach Potsdam umgezogen sei?
Oder eben doch „nur" der Bahnhof, die Munitionszüge, der Knoten für den Transport von Truppen und Material?
Die Zerstörung der historischen Stadt also Kolateralschaden - Stadtschloss, Barberini und Garnisonkirche in Kauf genommene Zerstörungen am Ende des „totalen Krieges"?
Unbestritten bleibt, dass der Angriff die Folge des von den Nationalsozialisten verursachten, furchtbaren Krieges gewesen ist. So richtig es ist, den vielen unschuldigen Opfern zu gedenken, so wichtig ist es auch Ursache und Wirkung nicht zu verklären.

Unbestritten ist, dass damals viele das Ausmaß nicht gesehen haben.
„Das waren die ersten Bomben, die von feindlichen Flugzeugen auf die Umgebung von Berlin geworfen wurden. Aber wiederkommen werden die Flugzeuge bestimmt nicht mehr, denn unsere Abwehr lässt sie nicht mehr durch". Das schreibt die damals 13jährige Irmgard Lies aus Babelsberg in einem Schulaufsatz über die ersten Bomben auf Potsdam im Juni 1940.
Die Ereignisse haben sich anders entwickelt.
In Potsdam hat dies eine eigene Bewandnis gehabt.
Der Tag von Potsdam - der 21. März 1933 mündete für die Menschen hier in der Nacht von Potsdam am 14. April 1945.
So werden wir den Toten und Opfern in und aus Potsdam gedenken, in Stille aber mit dem Versprechen verbunden, dass dies für uns eine ewige Mahnung bleiben soll.

So wie wir heute auf die Nacht des 14. April schauen, werden in diesen Tagen und Wochen viele Menschen auf die besonderen Ereignisse des Jahres 1945 zurückblicken.
Das Gedenken an die Befreiung der Konzentrationslager war ein Schwerpunkt der letzten Wochen. Mit Auschwitz am 27. Januar als des Terrors und der Unmenschlichkeit tiefster Abgrund begann das diesjährige Gedenken.
Israel gedachte am Montag des Holocausts. Für zwei Minuten steht das Land still, hält inne und gedenkt.
Auch für uns in Potsdam ist dieses Jahr ein besonderes Jahr. Und deshalb werden wir auf unterschiedlichste Art und Weise das Gedenken und die Aufarbeitung unterstützen und wach halten.

Die Ausstellung „Was damals Recht war...." über die Wehrmachtsjustiz im Dritten Reich habe ich sehr bewusst und mit innerer Überzeugung unterstützt und die Schirmherrschaft übernommen. Gerade diese Ausstellung zeigt die Unmenschlichkeit und Willkürherrschaft des nationalsozialistischen Unrechtssystem. Wir erkennen aber auch, welche enorme Fortschritte an Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Toleranz wir in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben.
Ich habe für den Sommer dieses Jahres meine Kollegen aus der Vereinigung „Bürgermeister für den Frieden" nach Potsdam eingeladen. Es geht um ganz praktische Fragen und um politisches Engagement auch in der Kommunalpolitik für den Frieden.

Es war die Konferenz von Potsdam - wieder ein Jubiläum, wieder in Potsdam - die nicht nur Deutschlands Schicksal bis 1989 festlegte, an dessen Rande die ersten und - Gott sei Dank - letzten Atombombenabwürfe auf dieser Erde vermutlich entschieden wurde. Hiroshima-Platz in Potsdam - das ist weit mehr als Betroffenheit. Das sind unser Bewusstsein und unsere Verantwortung für die Geschichte dieser Stadt.
Und diese Verantwortung übernehmen wir auch bei der Wiedergewinnung der historischen Mitte. In diesem Jahr, im 65. Jahre seiner Zerstörung oder doch zumindest seiner beginnenden Vernichtung, setzen wir an mit Spatenstichen, mit den neuen Glocken von Nikolai, dem Leitbau Barberini und arbeiten weiter konsequent an der Wiedererrichtung der Garnisonkirche. Mit Freude nehme ich wahr, dass nun auch die Linke ihren Widerstand gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche aufgibt und den ideologischen Ballast abwirft, der der Wiedererlangung der Potsdamer Mitte nie gerecht wurde.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Gedenken, Erinnern, Aufarbeiten, Wiedererrichten - wir haben es auch und gerade wegen der Ambivalenz der einzelnen Elemente mit einer einzigartigen Situation zu tun. Und dieser Herausforderung stellen wir uns, auch in ihrer scheinbaren Widersprüchlichkeit.