Pressemitteilung Nr. 751 vom 30.12.2008

Legale Graffiti-Wände statt Schmierereien auf Gebäuden und Fassaden

Die Landeshauptstadt Potsdam erarbeitet derzeit unter Beteiligung von Künstlern, die der hiesigen Sprayer-Szene angehören, ein Graffiti-Konzept. Im Zentrum steht dabei die Identifikation von geeigneten Wänden, die das legale Sprayen künstlerischer Werke auf Gebäudeflächen ermöglichen. Dabei geht es nicht um die Förderung flüchtig auf Häuserwände geschmierter „Tags" (Signaturkürzel), sondern um farbenfrohe Kunstwerke, die das urbane Lebensgefühl speziell junger Künstlerinnen und Künstler zum Ausdruck bringen. Neue Kunstformen stehen immer im Wettbewerb mit der etablierten Formensprache und ziehen dadurch die Aufmerksamkeit durch öffentliche Kontroversen auf sich. Das galt im öffentlichen Raum vor 20 Jahren vergleichbar für multimediale Installationen oder Lichtkunst, z.B. von Künstlern wie Bruce Nauman und später Olafur Eliasson.

Künstlerisch gestaltete, legal angebrachte Graffitis sind neben anderen Kunstwerken im öffentlichen Raum Ausdruck städtischer Kultur.

Der am 11.12.2008 stattgefundene Kulturausschuss der Landeshauptstadt Potsdam hat sich im Zusammenhang mit der Graffiti-Diskussion eindeutig positiv für die Schaffung legaler Sprayer-Flächen ausgesprochen. Die Vertreter aller Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung votierten einstimmig für die Erarbeitung eines Konzepts unter Einbeziehung der Sprayerinitiativen.

In vielen Städten ist Graffiti als Kunstform längst akzeptiert und etabliert. So wurde im März 2006 in der österreichischen Hauptstadt Wien eine Straße von der Stadtverwaltung offiziell in Graffiti-Straße umbenannt. Die Werke Einzelner, wie etwa des britischen Streetartists Banksy, dessen Werke sich um eine alternative Sichtweise auf politische und wirtschaftliche Themen bemühen, erzielen mittlerweile Höchstpreise auf Kunstauktionen. Die künstlerischen Graffitis des Schweizers Harald Naegeli hat der Kanton Zürich 2004 sogar offiziell restaurieren lassen.
Um Gestaltungsräume für Jugendliche und Möglichkeiten zur künstlerischen Selbstverwirklichung in der Landeshauptstadt Potsdam zu haben, soll ein Graffiti-Konzept entwickelt werden, das eigens gekennzeichnete Wände für legales Sprayen zur Verfügung stellt. Derzeit gibt es in Potsdam schon einige Wände, die für legales Sprayen zur Verfügung stehen, so zum Beispiel an der Nansenstraße in Potsdam-West oder an der Nuthe-Schnellstraße. Das geplante Graffiti-Konzept soll weitere mögliche Flächen identifizieren und kennzeichnen. Ziel ist es, Jugendlichen auf geregeltem Wege Flächen zur Verfügung zu stellen, an denen sie ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten erproben können. Die künstlerische Betätigung ist ausschließlich auf den zur Verfügung gestellten Flächen möglich, außerhalb dieser Flächen gelten die üblichen gesetzlichen Bestimmungen. „Die Bereitstellung legaler Flächen ist eine anerkannte Methode zur Prävention von Vandalismus und Schmierereien an Gebäuden im städtischen Raum, gegen die weiterhin konsequent vorgegangen wird", betonte die Beigeordnete für Soziales, Jugend, Gesundheit, Ordnung und Umweltschutz Elona Müller.

Von der künstlerischen Graffiti-Gestaltung auf legalen Flächen ist die Sachbeschädigung durch illegale meist durch „Tags" gekennzeichnete Graffiti-Schmiererei strikt zu unterscheiden. Hier geht die Landeshauptstadt konsequente Wege. In Zusammenarbeit mit Wohnungseigentümern, allen voran die Pro Potsdam, werden Schmierereien kurzfristig entfernt, die Signal- und Botschaftswirkung damit erheblich minimiert. Zusätzlich erfolgen in allen Fällen Strafanzeigen, die ggf. auch konsequent verfolgt werden.

Aber auch im präventiven Bereich geht die Landeshauptstadt eigene Wege. So wurde im Herbst 2008 erstmals ein Filmwettbewerb ausgelobt, um die Szene zu motivieren, sich selbstkritisch mit der illegalen Schmiererei und ihren Konsequenzen auseinander zu setzen. „Für Potsdam ist der eingeschlagene Weg genau der Richtige: Die Differenzierung von Kunst, künstlerischer Aktivität in Abgrenzung zu Straftaten und deren konsequenter Verfolgung und ggf. Ahndung", sagte Elona Müller.