Pressemitteilung Nr. 768 vom 28.11.2019

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Kira Vinke wird mit dem 13. Potsdamer Nachwuchswissenschaftler-Preis ausgezeichnet

Für ihre Forschung zum Thema der Klimawandel und seine Einflüsse auf die Migration erhält Dr. Kira Vinke (2.v.r.) der 13. Potsdamer Nachwuchswissenschaftlerpreis
Für ihre Forschung zum Thema der Klimawandel und seine Einflüsse auf die Migration erhält Dr. Kira Vinke (2.v.r.) der 13. Potsdamer Nachwuchswissenschaftlerpreis
Für ihre Forschung zum Thema der Klimawandel und seine Einflüsse auf die Migration erhält Dr. Kira Vinke (2.v.r.) der 13. Potsdamer Nachwuchswissenschaftlerpreis. Foto Landeshauptstadt Potsdam/ Jan Brunzlow

In Anerkennung ihrer herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Politikwissenschaften wird Dr. Kira Vinke beim morgigen Einsteintag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert mit dem Potsdamer Nachwuchswissenschaftler-Preis ausgezeichnet.

Dr. Vinke erhält den mit 5000 Euro dotierten Preis für ihre mit „summa cum laude“ bewertete Dissertation „Unsettling Settlements: Cities, Migrants, Climate Change. Rural-Urban Climate Migration as Effective Adaption?“. In ihrer Arbeit zum Thema Klimawandel und Migration untersucht Dr. Vinke die Frage, ob Migration eine effektive Form der Anpassung an den Klimawandel ist. Sie kommt zu dem Schluss, dass viele Menschen, die aus dem komplexen Zusammenwirken von Armut, demographischer Entwicklung und Klimafolgen heraus zur Migration gezwungen werden, oft im Nachhinein schlechter gestellt sind als zuvor. Dr. Vinke statuiert, dass die bisherige Verwendung des Begriffs der Anpassung in der Migrationsdebatte zu kurz greift und formuliert konkrete Empfehlungen für politisches Handeln.

Prof. Dr. Heinz Kleger begründet die Juryentscheidung: „Die Politikwissenschaftlerin untersucht in ihrer aufwendigen interdisziplinären Arbeit das hochaktuelle Thema der Klimamigration. Die Interviews werden vor Ort in Bangladesch und den Marshallinseln durchgeführt, womit sie denen eine Stimme gibt, die weder in wissenschaftlichen noch politischen Diskursen Gehör finden. Dieser Datenfundus ermöglicht bessere Erklärungen und konkrete Handlungsempfehlungen, welche sowohl die Perspektiven der Migranten als auch die Herkunfts- und Zielorte der Migration berücksichtigen.“

Der Oberbürgermeister und Juryvorsitzender Mike Schubert ergänzt: „Nach Ansicht der Jury waren die von den verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen und der Universität Potsdam eingereichten Arbeiten erstklassig.“ Er begrüßt es, dass eine Forschungsarbeit zu einem gesellschaftlich derart relevanten Thema ausgezeichnet wird: „Die Arbeit passt thematisch zum Wissenschaftsstandort Potsdam, rückt die am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung geleistete exzellente Forschung in den Fokus und verdeutlicht das hohe Niveau des wissenschaftlichen Nachwuchses in unserer Region.“

Dr. Kira Vinke freut sich über die Auszeichnung: „Den Potsdamer Nachwuchswissenschaftler-Preis zu bekommen, motiviert und bestärkt mich, weiter intensiv an Themen zu arbeiten, in denen die Folgen des Klimawandels für das menschliche Zusammenleben im Vordergrund stehen. In Potsdam zu forschen und von der Stadt ausgezeichnet zu werden, macht mich glücklich und ist für mich eine besondere Ehre. Die Auszeichnung bedeutet, dass die Schicksale der Menschen, die an anderen Orten der Welt vom Klimawandel betroffen sind, uns hier nicht unberührt lassen, und wir als Gesellschaft uns den darauffolgenden moralischen Fragen stellen. Ich danke meinen Betreuern Prof. Helga Weisz und Prof. Hans Joachim Schellnhuber für die immerwährende Unterstützung und für ihren Ruf nach einer besseren Zukunft, dem ich mich anschließen konnte.“

Professorin Dr. Helga Weisz vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, die Dr. Vinke während ihrer Dissertationszeit betreut hat, hebt die Bedeutung der Arbeit für das PIK hervor: „Die Frage, wie sich globale Erwärmung auf Migration und auf die dadurch geänderten Lebensbedingungen von Menschen, insbesondere in Entwicklungsländern, auswirken wird, ist für das PIK von zentraler strategischer Bedeutung. Für das PIK ist klar: Weder Klimaschutz noch Anpassung an den Klimawandel können ohne soziale Gerechtigkeit erfolgreich sein. Kira Vinke hat in ihrer Doktorarbeit, für die sie Feldstudien in Bangladesch und auf den Marschallinseln durchgeführt hat, hierzu Pionierarbeit geleistet.“

Neben Oberbürgermeister Mike Schubert gehörten Prof. Dr. Susan Neiman vom Einsteinforum, Prof. Dr. Ulrich Buller, ehem. Forschungsvorstand der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Dr. Rolf Emmermann, ehem. Vorstand des Deutschen Helmholtz Zentrum GFZ, Prof. Dr. Heinz Kleger, ehem. Universität Potsdam, Prof. Dr. Ralf Engbert von der Universität Potsdam sowie Prof. Dr. Bernd Müller-Röber von der Universität Potsdam der Jury an. In diesem Jahr lagen elf Arbeiten vor.


Hintergrundinformationen

Zur Person

Dr. Kira Vinke arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung als Projektleiterin von EPICC (East Africa Peru India Climate Capacities), einem interdisziplinären Projekt zur Koproduktion von Wissen über regionale Klima- und Wassersysteme und deren Wechselwirkungen mit landwirtschaftlichen Lebensgrundlagen, menschlicher Migration und Sicherheit. Sie ist derzeit Co-Vorsitzende des Beirats für zivile Krisenprävention und Friedensförderung der Bundesregierung.

Bis Juni 2018 war Dr. Kira Vinke wissenschaftliche Referentin des PIK-Direktors. In dieser Funktion entwickelte sie ein Projekt zur Erforschung von Frühwarnsignalen für klimabedingte Konfliktrisiken mit anderen Wissenschaftlern. Von 2014 bis 2016 arbeitete sie als Referentin des Direktors des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (WBGU). Im Jahr 2014 arbeitete sie als Beraterin für die Deutsche Entwicklungszusammenarbeit (GIZ) über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration in gefährdeten Städten im Süden Bangladeschs. 2016 und 2017 arbeitete Dr. Kira Vinke als externe Beraterin für die Asiatische Entwicklungsbank und entwickelte den Leitfaden „A Region at Risk - The Human Dimensions of Climate Change in Asia and the Pacific“.

Dr. Kira Vinke hat an der Humboldt-Universität zu Berlin ihre Doktorarbeit (summa cum laude) zum Thema Klimawandel und Migration abgeschlossen. Ihr Studium wurde von der Studienstiftung des deutschen Volkes finanziert und sie absolvierte einen Teil ihrer Feldforschung auf einer Reise mit der Okeanos Foundation zu den äußeren Inselgemeinden in der Republik der Marshallinseln. Vor ihrer Tätigkeit am PIK war Dr. Vinke dem Energy and Resources Institute (TERI) in New Delhi in Zusammenarbeit mit dem Environmental Policy Research Center (FFU) in Berlin angeschlossen. In Neu-Delhi führte sie Feldforschungen zum Thema Governance im Energiesektor und grenzüberschreitende Flussverwaltung durch. Sie erhielt ihren Master-Abschluss in Internationale Beziehungen mit höchsten Auszeichnungen von der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität zu Berlin und der Universität Potsdam. Sie absolvierte ihr Grundstudium an der Hawai'i Pacific University in Honolulu, Hawaii (summa cum laude), wo sie ein Stipendium als Mitglied des International Vocal Ensembles erhielt. Außerdem studierte Dr. Vinke teilweise in Tokio/Japan und Madrid/Spanien. Die Wissenschaftlerin ist Mitglied im The Explorers Club (Term 2016, Chapter Western Europe).


Zur Arbeit

Die Dissertation „Unsettling Settlements – Cities, Migrants, Climate Change“ von Dr. Kira Vinke befasst sich mit der Vertreibung von Menschen aufgrund des Klimawandels. Darin wird anhand von zwei Fallbeispielen, Bangladesch und dem zentralpazifischen Staat der Marschallinseln, die Frage untersucht: Wenn Menschen wegen klimatischer Veränderungen ihre Heimat verlassen, wie effektiv ist diese Anpassungsmaßnahme? Die Ergründung der komplexen Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Migration führt zu neuen Erkenntnissen für die Entwicklungs- und Anpassungspolitik der beiden Länder und die internationale Gemeinschaft.

Durch voranschreitende Klimafolgen verstärkt sich insbesondere in Entwicklungsländern der Migrationstrend von ländlichen Gebieten in die Städte. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft können die Existenzgrundlagen von Kleinbauern zerstören und schwerwiegende Konsequenzen für die Gesundheit und Sicherheit der Menschen zur Folge haben. Im asiatisch-pazifischen Raum sind bereits viele vulnerable Gruppen vom Klimawandel unmittelbar betroffen. Flussdeltas wie die Bay of Bengal und Kleininselstaaten wie die Marshallinseln stehen an der vordersten Front klimawandelgetriebener Umweltveränderungen. Gleichzeitig verzeichnen viele Städte, die Zielorte für Migranten aus dem ländlichen Raum sind, schon jetzt ein rapides Anwachsen informeller Armutssiedlungen. In einem Großteil dieser Städte bieten sich für Migranten, die keine Qualifikationen für den urbanen Arbeitsmarkt aufweisen können, nur wenige Möglichkeiten der ökonomischen Integration. Dieser Punkt führt zur Forschungsfrage dieser Dissertation: Ist Migration eine effektive Form der Anpassung an den Klimawandel? Einem Grounded Theory Ansatz folgend, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit eine theoriebildende, qualitative Mehrebenen-Systemanalyse, die sich auf empirische Daten zweier Fallstudien stützt.

Da verschiedene Akteure unterschiedliche Kriterien für Effektivität anwenden, wird eine dreistufige Analyse vorgenommen, und zwar auf der Ebene des einzelnen Migranten, ferner der Entsendegemeinschaft und schließlich am Aufnahmeort. Die Methoden umfassen semi-strukturierte qualitative Interviews mit Migranten, den Entsendegemeinschaften sowie Experten. Ferner sind Fokusgruppendiskussionen, partizipatorische Beobachtung und eine kritische Auseinandersetzung mit der bestehenden wissenschaftlichen Literatur Bestandteil der Arbeit. Auf dieser Basis werden Hypothesen zu den spezifischen Bedingungen, unter denen Migration als effektive Anpassungsstrategie betrachtet werden kann, generiert. Eine wesentliche Erkenntnis dabei ist, dass die individuelle Kapazität zum Handeln stark abhängt von der Vulnerabilität der sozialen Gruppe, der der Migrant beziehungsweise der Haushalt angehört. Diese äußeren Bedingungen begrenzen sowohl die Entscheidungsfreiheit zur Migration beziehungsweise zum Verbleib wie auch die Fähigkeit des Einzelnen, sein Leben nach der Migration und damit auch den Erfolg der Migrationsentscheidung selbst zu gestalten. Daher wird die Effektivität von Migration durch strukturelle Ungleichheiten bestimmt.

Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass Migration nur als eine Form der Anpassung kategorisiert werden kann, wenn sie präventiver Natur ist. Wenn sie eine Reaktion auf bereits eingetretene Effekte des Klimawandels darstellt, handelt es sich um eine Entgegnung auf eine durch den Klimawandel verursachte Gefahrensituation. Den beiden Kategorien liegen unterschiedliche Ziele zugrunde. Bei einer Anpassung an den Klimawandel wird versucht, den Lebensstandard, den die Person oder der Haushalt vor Eintritt der Klimafolge hatte, zu halten oder noch zu verbessern. Bei einer Entgegnung auf eine Klimafolge geht es oft nur darum, verbleibende Möglichkeiten während einer Gefährdungslage zu nutzen oder schlicht das eigene Überleben zu sichern. Die Ergebnisse der Studie sollen helfen, die Informationsbasis für zukünftige Anpassungsstrategien zu erweitern und somit auch eine menschenwürdige Migration zu ermöglichen. Ebenso verdeutlicht die Arbeit die Notwendigkeit einer raschen und weitreichenden Klimaschutzpolitik.

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