Bundesaußenminister Gabriel hält Hauptrede / M100 Award an russische Journalistin Sindejewa
Pressemitteilung Nr. 627 vom 13.09.2017

Medienkonferenz M100 mit internationalen Gästen

V.r.n.l.: Moritz van Dülmen, M100-Projektleiterin Sabine Sasse, Journalistin und Preisträgerin Natalja Sindejewa, BILD-Chefredakteurin Tanit Koch, Oberbürgermeister Jann Jakobs.
V.r.n.l.: Moritz van Dülmen, M100-Projektleiterin Sabine Sasse, Journalistin und Preisträgerin Natalja Sindejewa, BILD-Chefredakteurin Tanit Koch, Oberbürgermeister Jann Jakobs.
V.r.n.l.: Moritz van Dülmen, M100-Projektleiterin Sabine Sasse, Journalistin und Preisträgerin Natalja Sindejewa, BILD-Chefredakteurin Tanit Koch, Oberbürgermeister Jann Jakobs. Foto: Landeshauptstadt Potsdam/Stefan Schulz

Die Landeshauptstadt Potsdam mit Oberbürgermeister Jann Jakobs begrüßte am Donnerstag 80 Journalisten, Medienvertreter und Meinungsmacher aus ganz Europa zur 13. Internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium in der Orangerie in Potsdam. Dabei erhält die russische Journalistin und Medienmanagerin Natalja Sindejewa den diesjährigen M100 Media Award. Die Laudatio auf Natalja Sindejewa hält BILD-Chefredakteurin Tanit Koch. Die politische Hauptrede spricht Bundesaußenminister Sigmar Gabriel.

„Ich freue mich, dass zu unserer diesjährigen Medienkonferenz wieder zahlreiche internationale Medienvertreterinnen und Medienvertreter erscheinen werden“, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs. „Das Thema ,Demokratie oder Despotie? Die Renaissance der dunklen Mächte‘ ist hochaktuell. Es wird darüber sicherlich eine spannende Debatte geben. Und ich freue mich auch auf die Preisträgerin Natalja Sindejewa.“

Natalja Sindejewa gründete 2010 mit „Doshd“-TV (Rain-TV) den einzigen unabhängigen Fernsehsender Russlands, in dem – im Gegensatz zu der Mehrzahl der regierungsnahen Medien in Russland – auch regierungskritische Stimmen zu Wort kommen. 2011 erreichte „Doshd“ internationale Aufmerksamkeit, als er als einziger russischer Sender umfangreich über die Proteste nach den russischen Parlamentswahlen 2011 berichtete. In den letzten Jahren wurden Sindejewa und ihre Mitarbeiter immer stärker unter Druck gesetzt. Mittlerweile ist er aus allen Kabel- und Satellitennetzen entfernt worden und ist nur noch im Internet empfangbar. Werbekunden springen auf Druck der russischen Regierung reihenweise ab, und der Mietvertrag für das Studio wurde Hals über Kopf gekündigt. Für Natalja Sindejewa kein Grund, ihren „Optimistic Channel“ aufzugeben – im Gegenteil.

„Seit sieben Jahren führt Natalja Sindejewa ihren Sender Doshd TV mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit durch die unwägbaren Tiefen russischer Politik und trotzt selbst größten Widerständen“, begründet M100-Beirat Kai Diekmann die Entscheidung des M100-Beirats. „Doshd TV ist der einzige unabhängige Sender in Russland, der über soziale, wirtschaftliche und politische Ereignisse berichtet, die von staatlichen Medien nicht aufgegriffen werden – und hat damit großen Erfolg! Der M100 Media Award würdigt ihren großen Mut und soll ihre beeindruckende Leistung sichtbar machen.“

„Am Beispiel von Natalja Sindejewa zeigt sich wieder einmal, was Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern riskieren“, sagt M100-Beirat und ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. „Deshalb kann man ihren Einsatz nicht hoch genug würdigen. Unsere Preisträgerin hat den kritischen TV-Sender „Doshd“ gegründet, dem man in Russland und in der Ukraine das Publikum entzog. In Potsdam gehört die Bühne ihr.“

M100-Beirätin Andrea Seibel, Ressortleiterin Meinung/Forum WELTN24, ergänzt: „Natalia Sindejewa tut das, was gute Journalisten tun. Sie geht ihrer Arbeit nach und versucht, ihr Konzept von Journalismus marktfähig zu halten. Sie tönt nicht groß von „kritischem“ Journalismus oder „Opposition“.  Und weil sie das in einem extrem feindseligen und anti-demokratischen Umfeld tut, verdient sie großen Respekt und Anerkennung.

M100-Beirat Christoph Lanz, ehemaliger Fernsehdirektor der Deutschen Welle, betont: „Inmitten einer fast ausschließlich staatlich kontrollierten Medienlandschaft hat Natalja Sindejewa mit Doshd TV eine Insel der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt geschaffen, die sie seit Jahren gegen alle Widerstände und unter Einsatz ihrer eigenen Existenz verteidigt. Das ist eine herausragende Leistung, die wir mit der Vergabe des M100 Media Award unterstützen möchten.“

Natalja Sindejewa wurde am 11. Juni 1971 in der Stadt Michurinsk (Tambow Region, Westrussland) geboren. Sie studierte Mathematik und Grundschullehramt an der Michurinsk State Pedagogical Institute. Im Jahr 2006 erhielt sie einen Abschluss in Business Development von der Stockholm School of Economics in Russland. Nachdem sie nach Moskau zog, fing Natalja Sindejewa an, als Produzentin der Abendshow “Chaika” zu arbeiten. Außerdem arbeitete sie als Produzentin der Abendshow „One Thousands and One Nights“ des Fernsehkanals „2x2“, bevor sie als Produktionsleiterin und Finanzvorstand für den Radiosender „Silver Rain“ anfing. 2010 gründete Natalia Sindeeva den Fernsehkanal „Rain. Optimistic Channel“. Dort ist sie seitdem als Geschäftsführerin tätig.

Der M100 Media Award wird seit 2005 jährlich im Rahmen des M100 Sanssouci Colloquiums an Persönlichkeiten vergeben, die „Fußspuren“ in der Welt hinterlassen haben und sich für Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen. Bisherige Preisträger sind unter anderem Bob Geldof, Hans-Dietrich Genscher, der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, Vitali Klitschko, das französische Satiremagazin Charlie Hebdo und im letzten Jahr der italienische Schriftsteller Roberto Saviano.

Der Titel des den Tag über stattfindenden M100 Sanssouci Colloquiums lautet in diesem Jahr „Demokratie oder Despotie? Die Renaissance der dunklen Mächte“. Aufbauend auf dem Thema des M100 Sanssouci Colloquiums 2016 „Krieg oder Frieden“ diskutieren  – kurz vor der deutschen Bundestagswahl – über 70 Chefredakteure, Historiker und Politiker aus vielen Ländern Europas über den Zustand der Demokratie, die Auswirkungen der aktuellen politischen Entwicklungen, die Weltlage nach den ersten neun Monaten Trump sowie die Zukunft der Medien und ob sie noch in der Lage sind, ihrer Aufklärungs- und Orientierungsfunktion nachzukommen.

Die Eröffnungsrede zum Auftakt des Colloquiums am Morgen hält der türkische Journalist und ehemalige Chefredakteur von „Cumhuriyet“, Can Dündar.