Pressemitteilung Nr. 580 vom 11.09.2019

Oberbürgermeister legt Vorschlag im Umgang mit Garnisonkirche vor

Oberbürgermeister legt Vorschlag im Umgang mit Garnisonkirche vor
Oberbürgermeister legt Vorschlag im Umgang mit Garnisonkirche vor
Oberbürgermeister legt Vorschlag im Umgang mit Garnisonkirche vor (Ausschnitt Livestream)

Einen Vorschlag zur künftigen Arbeit der Landeshauptstadt im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche hat Oberbürgermeister Mike Schubert am Dienstag den Fraktionsspitzen der Stadtverordnetenversammlung vorgestellt. „Die bisherigen Beschlüsse der Stadtverordneten zur Garnisonkirche waren widersprüchlich. Ich möchte eine eindeutige Positionierung der Landeshauptstadt Potsdam in der Frage des Wiederaufbaus des Turms der Garnisonkirche und eine Idee im Umgang mit der weiteren Entwicklung im Umfeld des Turms. Dazu werde ich den Stadtverordneten im November eine Beschlussvorlage vorlegen, die ich den Fraktionsvorsitzenden vorgestellt habe“, sagt Oberbürgermeister Mike Schubert.

Der Vorschlag des Oberbürgermeisters sieht vor: Als Vertreter der Stadt sollen künftig der Oberbürgermeister sowie als Stellvertreter der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung die in der Stiftungssatzung definierten Aufgaben sowie die Interessen der Landeshauptstadt wahrnehmen.

Der Vertreter der Landeshauptstadt wirkt an der Schaffung einer Ausstellung, die die Geschichte des Ortes vollumfänglich darstellt, im Turm der Garnisonkirche mit. Im Fachbeirat für Ausstellungen und im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Garnisonkirche will die Stadt in Zukunft durch die Entsendung von Vertreter/innen inhaltlich mitwirken. Grundlage dieses Handlungszieles bildet die Wiederrichtung des Turms der Garnisonkirche aufgrund bereits erteilter Baugenehmigungen.

Als zweiter Punkt nimmt der Vertreter der Landeshauptstadt Potsdam im Kuratorium Gespräche mit der Stiftung Garnisonkirche und der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e.V. auf mit dem Ziel, bei einer zukünftigen Errichtung eines Gebäudes auf dem Grundstück, auf dem ehemals das Kirchenschiff stand, eine internationale Jugendbegegnungsstätte für Bildung und Demokratie zu errichten. Die zukünftige Architektur soll den Anforderungen des Nutzungszwecks folgen. Bis zum Jahr 2023 soll ein inhaltliches Konzept erarbeitet werden, in dem auch die Frage der Trägerschaft einer solchen Einrichtung betrachtet wird.

Als dritten Punkt soll der Vertreter der Landeshauptstadt im Kuratorium darauf hinwirken, die Jugend- und Bildungsarbeit als Zweck in der Satzung der Stiftung Garnisonkirche zu verankern.

Die Mitwirkung der Landeshauptstadt Potsdam an der Stiftung Garnisonkirche und dem Wiederaufbauprojekt ist bislang durch widersprüchliche Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung gekennzeichnet. Einerseits wurde 2008 der Beschluss zum Eintritt der Landeshauptstadt Potsdam zur Stiftung Garnisonkirche getroffen (08/SVV/0325), andererseits aufgrund eines erfolgten Bürgerbegehrens auf die Auflösung der Stiftung Garnisonkirche hingewirkt (14/SVV/0708).

Mit dem im Bau befindlichen Turm der Garnisonkirche nimmt die Wiedergewinnung der Kirche gegenwärtig bereits bauliche Konturen an, die mit dem neuen Beschlussvorschlag seitens der Landeshauptstadt Potsdam anerkannt werden. Die Diskussion über die Geschichte der Garnisonkirche wird häufig auf ihre Symbolik für das verbrecherische nationalsozialistische Regime reduziert und ihr dabei darüber hinaus ein historisches Alleinstellungsmerkmal gegeben. Doch auch andere Städte weisen Bauten und Orte mit starken Bezügen zum nationalsozialistischen Regime und entsprechender Symbolwirkung aus. Dazu gehören zum Beispiel Nürnberg, München, Köln oder die Gemeinde Berchtesgaden.

In allen diesen Städten wird eine aktive Auseinandersetzung in Mitverantwortung der Stadt geführt. Die Stadt ist jeweils Betreiber oder Mitbetreiber von Zentren, in denen eine Dokumentation, Auseinandersetzung und Schulung insbesondere für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler ermöglicht wird. Die Beispiele zeigen Perspektiven für Potsdam auf. Die starke Kontroverse um den Wiederaufbau der Garnisonkirche mit ihrer verhängnisvollen nationalsozialistischen Vergangenheit sollte außerdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die NS-Stadtgeschichte Potsdams noch nicht ausreichend aufgearbeitet ist.

Die Landeshauptstadt Potsdam trägt deswegen eine Verantwortung zur Öffnung und Beförderung einer breit angelegten Auseinandersetzung mit der Geschichte, insbesondere mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Es geht darum, aus der Vergangenheit Wege der Verantwortung und des demokratischen Zusammenhalts für die Gegenwart und Zukunft aufzuzeigen, insbesondere für die nachwachsende Generation. Dieser erinnerungs- und bildungspolitische Anspruch bedarf Orte.

In Weimar haben das Land Thüringen und die Stadt Weimar mit der „Stiftung Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar“ (EJBW) einen Ort der Jugendbildung, der internationalen Jugendarbeit sowie der Jugendsozialarbeit geschaffen, der für Potsdam Vorbildcharakter haben kann. Auftrag der EJBW ist es, am historischen Lernort Weimar Begegnung für junge Menschen, Multiplikatoren und Fachkräfte aus dem In- und Ausland zu ermöglichen. Leitmotiv ist die Demokratiestärkung durch die Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und einer Reflexion über den historischen Ort. Die Leitfrage der pädagogischen Arbeit der EJBW ist: „Was stärkt und was gefährdet Demokratie?“

Die angestrebte Nutzung als Bildungsstätte in Verbindung mit dem barocken Turm soll dazu führen, dass die wiedererstehende Garnisonkirche ein integraler Bestandteil im städtischen Gefüge wird. Vernetzt und angenommen von der Potsdamer Stadtgesellschaft, überregional Impulse setzend für die Demokratie-Bildung.