Aussteigen und Aufsteigen

Liebe Potsdamerinnen und Potsdamer,

mein Weg zur Arbeit ist das beste Beispiel. Auf den etwa 800 Metern sehe ich die ganze Welt des Radfahrens in dieser Stadt - von der zehn Meter breiten autofreien Strecke und Radwegen in Top-Qualität über Einbahnstraßen mit Radgegenverkehr bis hin zu markierten Radstreifen auf Hauptstraßen, für Radfahrer gefährliche Autotüren, das Problem von Straßenbahnschienen sowie Radfahrer, die bei Rot oder auf dem Fußweg fahren.

Jeden Tag freue ich mich, dass es gefühlt immer mehr Radfahrer gibt, die auch den täglichen Arbeitsweg mit dem Rad zurücklegen. Ich laufe normalerweise den Weg zum Rathaus. Ein kurzer Spaziergang vor den Aufgaben des Tages tut gut. Aber vor allem an den Wochenenden nutze ich die Gelegenheit der Ruhe und setze mich aufs Rad. Nicht irgendeins. Ich habe mir im Frühjahr ein neues Rad gekauft. Viele Gänge hat es, ein österreichisches Fabrikat ist es und ich nutze es inzwischen für ausgiebige Touren durch die Stadt und ins Umland. Selbst zu offiziellen Terminen fahre ich dann gelegentlich, weil es Spaß macht und gesünder ist als Autofahren. Für mich und für andere, die unter dem Autolärm und Dreck leiden. Und immer wieder merke ich, es wird zu viel Auto gefahren, trotz der hohen Preise. Sicher sind viele auf dem Weg zur Arbeit aufs Auto angewiesen, doch gibt es genauso viele Fahrerinnen und Fahrer die bei etwas mehr Selbstkritik merken würden, dass sie mit dem Rad oder Bahn und Bus in einer ebenso angemessenen Zeit am Ziel sind. Diese Menschen werden wir selbst mit überdachten und beheizten Radwegen nicht aus ihrem Auto locken können.

Den unnötigen Luxus wird es sicher nie geben, aber bessere Bedingungen für Radfahrer wünsche ich mir an einigen Stellen auch. Wenn ich auf meinem Arbeitsweg sehe, wie unsicher mancher auf seinem Rad quer über Straßenbahnschienen balanciert oder sich an parkenden Autos in Gedanken an eine offene Autotür vorbeischleicht, sehe ich die Aufgaben der nächsten Monate und Jahre.

Dabei haben wir als Stadt in den letzten Jahren sehr viel getan, um den Anteil der Radfahrer am Individualverkehr zu erhöhen und für mehr Sicherheit zu sorgen. Es gibt einen Fahrradbeauftragten, einen Etat von 850.000 Euro pro Jahr allein für den Ausbau von Fahrradwegen, ein komplexes Radverkehrskonzept, für Radfahrer nutzbare Einbahnstraßen, eine Kummernummer bei Scherben auf den Radwegen und sogar interne Richtlinien zur Bevorzugung von Radfahrern. Projekte, die für mehr Akzeptanz und Vorrang der Radverkehrsbewegung in der Gesellschaft sorgen sollen. Schon heute werden 24 Prozent der Wege innerhalb der Stadt mit dem Rad bewältig, 819 von 1000 Potsdamerinnen und Potsdamern haben ein Fahrrad. Das ist eine gute Bilanz und Bestätigung unserer Arbeit.

Eins fällt mir gemeinsam mit meiner Frau aber immer wieder auf: Einige Radfahrer sorgen für ein schlechtes Image. Sie meinen, im rechtsfreien Raum zu fahren. Sie fahren auf der falschen Seite, fahren auf dem Fußweg, fahren bei Rot über die Kreuzung. Aber so wie es sich nicht gehört mit dem Auto in die Fußgängerzone Brandenburger Straße zu fahren, so gehört es sich auch nicht mit dem Rad auf dem Fußweg zu fahren und Mitmenschen zu gefährden. Die Rücksichtnahme die Radfahrer vom Autofahrer fordern, sollten sie auch Autofahrern und Fußgänger entgegenbringen.

Um den Radverkehr in Potsdam noch stärker zu fördern plädiere ich für autofreie Fahrradsonntage und ähnliche Aktionen. Unser Ziel ist es, Fahrradfahrer nicht zu benachteiligen und beste Bedingungen für ein Aussteigen und Aufsteigen zu schaffen. Fahren Sie auch häufiger mit dem Rad! Für eine bessere Umwelt und die eigene Gesundheit.

Ihr

Jann Jakobs

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